News

Montag, 6. Juni 2016

Symposium 2016: Interview mit Prof. Christian Elger


Prof. Christian Elger leitet die Klinik für Epileptologie an der Uni Bonn und steht gemeinsam mit Prof. Martin Korte als Einführungsreferent beim Symposium turmdersinne am 30. September 2016 auf der Bühne. Helmut Fink hat sich mit ihm unterhalten.


Helmut Fink: Jede unserer Entscheidungen beruht auf neuronalen Prozessen. Hilft Ihnen die Kenntnis dieser Mechanismen bei eigenen Entscheidungen?

Christian Elger: Natürlich hilft diese Vorstellung nicht. Zwar ist die Leistung des Gehirns sehr komplex, im Einzelfall jedoch läuft ein Entscheidungsprozess auf festen Schienen. Das Verständnis für diese Entscheidungsprozesse hilft uns sicher dabei, Entscheidungen zu überdenken und zu verstehen – und sie gegebenenfalls, wenn nötig, zu modifizieren.

Sehen Sie in der Hirnforschung einen nachweisbaren Nutzen für Motivationsseminare und Coachingangebote?

Die Antwort ist ganz klar: Ja. Das Gehirn reagiert anders, als wir denken. Viele Prozesse sind sehr archaisch, weil wir wahrscheinlich über 90 % der Menschheitsgeschichte in kleinen Sozialisationen zugebracht haben – „in Höhlen“, wenn Sie so wollen. Die dort notwendigen Mechanismen sind in der heutigen Zeit nicht mehr angebracht und sollten auch korrigiert werden. Trotzdem stecken sie so tief in uns drin, dass sie noch immer unser Erleben und Verhalten bestimmen. Hinzu kommt, dass unser Belohnungssystem nicht auf das Honorieren von rationalen Entscheidungen angelegt ist.
Die Hirnforschung hilft nicht beim Training, aber sie schafft so viel Verständnis, dass man mit ihr wahrscheinlich besser coachen kann und auch die Teilnehmer solcher Seminare besser motivieren kann.

Liegt in Erkenntnissen der Neuroökonomie eine Gefahr für Konsumenten? Wenn ja, wie kann man sich dagegen schützen?

Gewiss gibt es diese Gefahr. Dies liegt daran, dass es an der Weiterbildung der Konsumenten hapert. Alle unsere Erkenntnisse sind öffentlich zugänglich, und in zahlreichen Vorträgen vor Laien in Volkshochschulen und ähnlichen Einrichtungen trage ich zu ihrer Vermittlung bei.
Die Gefahr ist natürlich keine neue: Vor allem Diktaturen nutzen massiv die diversen Möglichkeiten zur Beeinflussung von Menschen und wie wir wissen fallen viele darauf herein. Aus meiner Sicht hilft Neuroökonomie beim Verstehen beider Seiten, der Marketing-Seite und der der Konsumenten.

Wie würden Sie das Verhältnis der Neurowissenschaften zur Philosophie beschreiben?

Dieses Verhältnis kann ich nicht beschreiben. Ich bringe Philosophen eine große Achtung entgegen und habe zahlreiche Diskussionen mit ihnen geführt, bin aber auf ihrem Gebiet wenig gebildet. Ich habe das Gefühl, dass hier zwei Welten aufeinander treffen. Die philosophische Welt ist eine gut durchdachte, die sehr eloquent vorgetragen wird. Die Neurowissenschaft verfügt über Erkenntnisse, manchmal nur aus einzelnen Experimenten, und versucht zu verallgemeinern. Beide Wissenschaftsrichtungen sind aber kein Gegensatz. Sie sollten sich ergänzen, durch viele Diskussionen.

Sie waren der (alphabetische) Erstautor des vielzitierten Manifests „Hirnforschung im 21. Jahrhundert“, das 2004 in der Zeitschrift Gehirn und Geist erschien. Wo sehen Sie
seither die größten Fortschritte?


Das Manifest gibt eine Sammelmeinung wieder. Wir wollten damit ein wenig relativieren, was andere sehr pointiert und wahrscheinlich auch etwas überzogen dargestellt hatten.
Die Frage des freien Willens ist eine Frage der Konsequenzen daraus. Neurobiologisch ist ein Entscheidungsprozess eine Mischung aus chemischen und elektrischen Abläufen im Gehirn. Erst im Einzelfall, wahrscheinlich ausgelöst durch einen Schlüsselreiz, kann dieser Prozess durch Erziehung, auch Selbsterziehung, in bestimmte Richtungen modifiziert werden.
Einige Personen verfügen jedoch nur über eingeengte Möglichkeiten, an dieser Stelle einzugreifen, was sich oft in dissozialem Verhalten niederschlägt und die Frage nach einer angemessenen Bestrafung aufwirft. Um hier eine Lösung zu finden, müssen neurobiologische Grundlagen und andere Aspekte bedacht werden.
In den USA versucht man es Boot-Camps, doch aufgrund der mäßigen Erfolge bedarf dieses Konzept einer Überdenkung vielleicht einer Modifikation auf neurobiologischer Grundlage. Das einzige Ziel muss darin bestehen, ein gutes soziales Miteinander für möglichst viele Menschen zu gewährleisten. Die Ursachen, warum dies bei einzelnen Individuen nicht gelingt, sind so mannigfaltig, dass die Hirnforschung nur Teilaspekte beleuchten kann.


Symposium turmdersinne 2016 
Was treibt uns an?
Motiviation und Frustration aus Sicht der Hirnforschung
30. September bis 2. Oktober 2016., Stadthalle Fürth
Anmeldung
#symp2016 


Zum Weiterlesen: 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen