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Mittwoch, 16. März 2016

"Offen für neue Blickwinkel"


Interview mit Daniel Pichlmeier und Yvonne Rausch.

Am Samstag, 19. März 2015, widmet sich ein Workshop der Nürnberger brainWEEK der aktuellen  Sonderausstellung „Anamorphosen“ im Hands-on-Museum turmdersinne.

Für die facettenreiche Ausstellung hat das Gestalterduo Daniel Pichlmeier und Yvonne Rausch zwei Wandbilder beigetragen. Kuratorin/Leiterin der Sonderausstellung Jana Marks unterhielt sich mit den beiden über ihre Arbeit.

Jana Marks: Die beiden Wandmotive „thanks for playing“ und „rubik`s corner“ sind die Ergebnisse eurer Fertigkeiten und Kreativität. Wie kam es zu den Motiven?

Daniel Pichlmeier und Yvonne Rausch: Zur Motivauswahl selbst: Wir wollten Motive finden, die möglichst viele Altersgruppen ansprechen. Deshalb sind wir auf Spielfiguren aus der zwei- und dreidimensionalen bzw. aus der digitalen und analogen Spielwelt gekommen.

Der Pilz steht für Computerspiele zur Zeit der zweidimensionalen 8-Bit-Pixelgrafiken der 80er Jahre und bildet damit auch einen Kontrast zu den heutigen hochauflösenden Computerspielgrafiken. Pixel Art ist eine sehr faszinierende Kunstform für uns, mit der wir auch in anderen Kunstprojekten arbeiten.

Zu der Tatsache, dass das Motiv vom richtigen Standpunkt aus, als stimmige Form erkennbar ist, kommt noch hinzu, dass trotz der groben Pixel in der Wahrnehmung des Motivs auch Krümmungen und Bögen entstehen.

Der Würfel, den sicher viele bereits in Händen hielten, ergänzt diese flache Pixelgrafik um eine weitere Raumrichtung und bietet damit noch mal neue interessante Blickwinkel und „Aufbrechungen“.

Um die Ecke gemalt: "let's play" von Yvonne Rausch und Daniel Pichlmeier


Jana Marks: Die beiden anamorphen Bilder im 5. Obergeschoss des turmdersinne wirken auf den ersten Blick wie aus einem Guss gemalt, in Wirklichkeit ist die Arbeit technisch sehr aufwendig. Könnt ihr beschreiben, wie die beiden Wandbilder entstanden sind und welche Vorüberlegungen ihr treffen musstet?

Nachdem wir uns im Vorfeld Gedanken über die Räumlichkeit und die dortigen Möglichkeiten zur Anbringung sowie die Motivauswahl gemacht hatten, ist die eigentliche Entscheidung zur endgültigen optimalen Positionierung erst vor Ort gefallen.

Je mehr Ecken, Winkel - oder sogar feste Gegenstände - in das Werk integriert werden können, umso interessanter und spannender das Endergebnis. Daher stand für uns mit der ersten Begehung fest, dass wir die "doppelte" Ecke für ein Werk nutzen wollten, zumal diese beim Betreten des Raumes einen "geknickten" Anblick bietet.

Der Besucher ist direkt angehalten, den Standpunkt im Raum zu finden, von dem aus sich das Bild optimal zusammenfügt. Der Cube hingegen zeigt schon bei Eintritt annähernd die passende Form, so dass diese erst durch die Veränderung des Standpunktes bricht. Somit haben wir zwei gegensätzliche Ansätze geschaffen.


Die eigentliche Anbringung der gewählten Motive erfolgt mittels Projektion. In diesem Fall wurden die beiden Motive zunächst mit Hilfe eines Beamers an die Wand projiziert. Dabei bieten Raumecken interessante Möglichkeiten für beeindruckende visuelle Effekte.

Damit die Motive sowohl für große wie auch kleine Beobachter unverzerrt zu sehen sind, ist zudem speziell auf die Projektionswinkel zu achten. Nach diesen Einstellarbeiten wird das Motiv in mehreren Schritten in Handarbeit auf die Wand übertragen. Die Schwierigkeit ist dabei, trotz der verzerrten Darstellung des Motivs an der Wand genau zu arbeiten und sich nicht dem erlernten Verständnis von Form und Linie hinzugeben.

Alles eine Frage der Perspektive.
Dann eignen sich also auch nicht alle Figuren?

Aus technischer Sicht eignen sich nach unserer Ansicht Figuren mit einer Vielzahl an geraden Linien in der Form besonders gut, um das „Zerbrechen“ der Form bei einem Perspektivwechsel in den Ecken darzustellen. Zudem verstärkt sich der Effekt noch, wenn die Form für unsere Wahrnehmung einfach zu erfassen ist, beispielsweise durch eine symmetrische Ausbildung oder eine eingängige, bekannte Gestalt.

Was reizt euch an diesen ausgetüftelten Raum-Ecken-Anamorphosen?

Daniel Pichlmeier: „Anamorphosen in Raum-Ecken sind ein reizvolles Spiel mit unserer Wahrnehmung und können uns wieder in kindliche Verwunderung versetzen.“

Yvonne Rausch: „Anamorphosen (in Raum-Ecken) zwingen uns, unsere gewohnte Betrachtungs- und Interpretationsweise der Welt zu verlassen, und sensibilisieren uns damit – wenn auch nur für einen Moment – für neue Blickwinkel, Sicht- und vielleicht sogar Denkweisen.“

"rubik's corner": ein "zerknautschter" Zauberwürfel?


 Und welche Erfahrungen habt ihr bisher mit derartigen Eck-Konstruktionen?

Bis jetzt haben wir an zwei derartigen anamorphen Raum-Ecken gearbeitet, wobei beide eine Text-Grafik zum Inhalt hatten, welche schwebend in einer Raum-Ecke positioniert wurde.Diese Arbeiten entstanden rein hobbymäßig und aus Spaß am immer wieder überraschenden Ergebnis.

Einfach mal den Standpunkt wechseln!
Wie seid ihr mit diesem Thema in Kontakt gekommen?

Der erste Kontakt mit anamorphen Darstellungen kam über die Arbeiten von Felice Varini, welcher unter anderem ein ganzes Dorf mit Kreisbögen „bemalte“. Der Gedanke war, das, was dort im Großen so beeindruckend war, in Wohnräume mit begrenzten Abmessungen zu integrieren. Der Reiz dieser anamorphen Raum-Ecken-Gestaltung in Wohnräumen ist, dass sie schon bei kleinen Änderungen der Betrachterperspektive eine Vielzahl von spannenden Verwandlungen bietet und kleinste Bewegungen des Betrachters dabei erstaunliche Effekte bewirken. Es mag damit zu tun haben, dass unser Gehirn bemüht ist, zu unserer im Wesentlichen zweidimensionalen Wahrnehmung eine Tiefe hinzuzudenken und zu verstehen, wie die Geometrie im Raum angeordnet sein könnte. Und dieser natürliche Wahrnehmungsprozess wird durch anamorphe Raum-Ecken-Gestaltungen auf amüsante Weise behindert und wirkt auch nach längerer Zeit nie langweilig.

Daniel Pichlmeier und Yvonne Rausch über sich selbst:
Daniel Pichlmeier ist Diplom-Ingenieur und Patentanwalt und Yvonne Rausch arbeitet als Grafik- und Webdesignerin. Daniel kann bereits auf viele technische Projekte zurückblicken (zum Teil hier veröffentlicht) und Yvonne hat als minou fou eine ebenso beträchtliche Anzahl an Kunst- und Grafikprojekten umgesetzt. Durch die tief ausgeprägte Begeisterung für Technik einerseits und die ebenso tiefe Leidenschaft und Liebe zur grafischen Gestaltung und Kunst andererseits finden die beiden immer wieder neue Ideen für Projekte, in denen sie sich gegenseitig ergänzen.  


Samstag, 19. März 2016, 15.30 Uhr-18 Uhr 
Workshop für Jugendliche und Erwachsene zur Sonderausstellung "Anamorphosen"
Anmeldungen: Tel.: 0911 9443281 oder info@turmdersinne.de.


brainWEEK 2016 in Nürnberg
Kultur im Kopf
14.-20. März 2016
#brainWEEK

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