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Samstag, 19. Dezember 2015

Wenn zwei am gleichen Strang ziehen


Zwei Versuchspersonen im Experiment: Sie können sich weder sehen noch hören - Kooperation funktioniert nur über das Seil.


Mit anderen zusammenarbeiten ohne Kontakt zum Kooperationspartner: Vieles spricht dafür, dass solche Szenarien im Berufsleben immer häufiger vorkommen. Wie eine Zusammenarbeit unter diesen Bedingungen funktionieren kann, haben nun Forscher der Abteilung Wahrnehmung, Kognition und Handlung am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen erforscht. Der Leiter der Abteilung, Prof. Heinrich Bülthoff,  ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des turmdersinne und war Referent beim Symposium turmdersinne 2007. 

Der Versuchsaufbau war denkbar einfach. Jeweils zwei Probanden waren durch ein Seil verbunden (siehe Abb. oben). Sie konnten einander weder sehen noch hören, sollten aber zusammen eine Aufgabe am Computer erledigen. Allerdings gelangten nicht beide gleichzeitig an ihre Tastatur, weil das Seil zu kurz war (siehe Abb. unten). Sie mussten ihre Bewegungen also gut koordinieren - ohne sich vorher abzusprechen.


Experimentaufbau: Die Probanden müssen eine gemeinsame Aufgabe ausführen.



Trotz dieser Einschränkung klappte die Zusammenarbeit bei vielen Teams. In vielen Fällen wechselten sich die beiden Teilnehmer bei der Computeraufgabe ab. Warum, das erklärten sie bei einer anschließenden Befragung: Sie nahmen einfach an, dass der Partner sich ebenso verhalten würde wie sie selbst.

Allein aus dem Seilzug leiteten die Teilenhmer sogar Vermutungen über Geschlecht und Größe ihres unsichtbares Gegenüber ab. Faire Partner wurden nicht nur als kooperativ, sondern auch als weiblich und klein eingeschätzt. Wer dagegen auf den eigenen Vorteil bedacht war, wurde eher als egoistisch, männlich und größer wahrgenommen.

Selbst aus extrem eingeschränkten Informationen ziehen wir also Schlüsse über die Persönlichkeit unserer Partner. Dong-Seon Chang, von dem die Idee zum Versuch stammt, sieht in Forschungen auf diesem Gebiet ein bedeutendes Zukunfspotenzial:
Zu verstehen, wie Menschen sich ohne Worte und Sichtkontakt am besten koordinieren, wäre eine wichtige Erkenntnis, um Mensch-Maschine-Interaktionen zu verbessern.


Zum Weiterlesen:
Dong-Seon Chang, Franziska Burger, Heinrich H Bülthoff and Stephan de la Rosa; The Perception of Cooperativeness Without Any Visual or Auditory Communication; i-Perception December 2015


Text: Inge Hüsgen
Abbildungen: Dong-Seon Chang / Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, Tübingen

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