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Donnerstag, 29. Oktober 2015

Symposium 2015: Nachlese




Fast 700 Besucher lockte das Symposium turmdersinne 2015 vom 9. bis 11. Oktober in die Stadthalle Fürth. Auf dem Programm stand ein Thema, das in jüngster Zeit erschreckend an Aktualität gewonnen hat. "Gehirne zwischen Liebe und Krieg", unter dieser Überschrift diskutierten renommierte Expertinnen und Experten verschiedener Fächer über "Menschlichkeit im Zeitalter der Neurowissenschaften".

Die Grundfragen liegen auf der Hand: Was wissen wir heute über die neuronalen Grundlagen von kooperativem und aggressivem Verhalten? Und wie lassen sich diese Erkenntnisse zur Entschärfung von Konfikten nutzen?

Politische Relevanz war bereits im Einführungsvortrag des Psychologen und Ethologen Prof. Norbert Bischof angelegt, der Parallelen zwischen Weltentstehungsmythen und der individuellen frühkindlichen Entwicklung  zog. Demnach ließen sich Links- und Rechtsextremismus durch jeweils unterschiedliche Störungen der Ich-Entwicklung erklären. Mit diesem spannenden Gedankenexperiment warf Bischof neue Fragen auf und lieferte spannende Diskussionsanstöße. Nachzulesen ist die These in Bischofs Buch "Das Kraftfeld der Mythen", das leider nur noch antiquarisch oder über Bibliotheken erhältlich ist.

Prof. Norbert Bischof
Am Samstag ging es zunächst um die neurobiologischen Grundlagen der Liebe (Andreas Bartels), die Abwehr von Gefahren (Prof. Guillén Fernández) und um das Verzeihen (Dr. Angela Merkl). Akademisch wurde es im Vortrag des Philosophen Prof. Dieter Birnbacher, der in den Erkenntnissen der Neurowissenschaften Thesen wiederentdeckte, die in der Philosophie bereits seit langem diskutiert würden.

Die Vortrage boten reichlich Stoff für angeregte Pausengespräche.

Ein ganz konkretes Phänomen stellte Dr. Hannes Rusch ins Zentrum seiner Betrachtungen: zwischen Aufopferungsbereitschaft für die eigenen Leute und Aggression gegenüber Fremden. In weiteren Beiträgen ging es um Therapiekonzepte für Jugendliche mit erhöhter Aggression (Prof. Svenja Taubner),  um Freundschaft und Krieg bei nichtmenschlichen Primaten (Dr. Roman Wittig) und um das Konzept des persönlichen Raumes bei Borderline-Patientinnen (Prof. Anne Schienle).

Guter Jahrgang: Ein 2014er Roséwein, exklusiv abgefüllt für den turmdersinne

Der lange Veranstaltungstag endete nach einer Weinprobe beim "Come together" mit einem Filmabend: Auf dem Programm stand die Doku "Das radikal Böse", die mit Spielszenen und Originaldokumenten eindringlich in das Denken und Fühlen der jungen Männer einführt, die bei den Massererschießungen im Osteuropa der früher 1940er zu Tätern wurden. Ergänzend stellt der Film bahnbrechende psychologische Experimente zu Gruppendruck, Gehorsam und Selbstrechtfertigung vor. 

Den Abschlusstag des Symposiums eröffnete ein Vortrag von Prof. Gerhard Roth, der die aktuellen neurowissenschaftlichen Erkentnisse auf ihren Nutzen für die Psychotherapie abklopfte. Über die Suche nach einem Ausweg aus dem Teufelskreis von Demütigung und Aggression berichtete anschließend Dr. Evelin Lindner, die 2015 für den Friedensnobelpreis nominiert war. Dass wir die evolutionären Voraussetzungen für ein friedliches Miteinander mitbringen, ist der Philosoph Dr. Michael Schmidt-Salomon überzeugt. Sei Vortrag zeigte denn auch, wie sich die Kluft zwischen der Liebe zu den "eigenen Leuten" und dem Hass auf "die anderen" überwinden lässt: indem wir den Kreis der Unsrigen immer weiter ausdehnen - auf die ganze Menschheit und darüber hinaus.

Podiumsdiskussion mit Gerhard Roth, Norbert Bischof, Moderator Helmut Fink, Evelin Lindner, Michael Schmidt-Salomon (v. l.)

Die Frage, wie sich Menschlichkeit in der Zukunft gestalten lässt, war denn auch Thema der abschließenden Podiumsdiskussion (siehe Foto). Dabei äußerten vor allem Evelin Lindner und Michael Schmidt-Salomon verhaltene Hoffnung auf ein friedliches Miteinander. Eine Utopie? Vielleicht. In jedem Fall wird jeder Einzelne diese Zukunft mitgestalten.

Die Vortragsfolien der Referenten finden Sie hier.

Übrigens: Die Beiträge des Symposium turmdersinne 2015 erscheinen demnächst zusammengefasst in Buchform. Die Symposiumsbände der vergangenen Jahre finden Sie hier.

Das nächste Symposium turmdersinne wird sich vom 30. September bis 2. Oktober 2016 mit Motivation und Frustration aus Sicht der Hirnforschung befassen. Aktuelle Informationen finden Sie hier.

Text: Inge Hüsgen 
Fotos: Karin Becker im Auftrag des turmdersinne


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