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Donnerstag, 10. September 2015

Symposium 2015: Das Potenzial für „Nie wieder Krieg“


Interview mit Dr. Evelin Lindner, Referentin beim Symposium turmdersinne 2015.

Die Medizinerin und Psychologin Evelin Lindner hat gemeinsam mit anderen engagierten Persönlichkeiten zwei Institutionen ins Leben gerufen, die zur Stärkung der Menschenwürde und zur Verringerung von Demütigung weltweit beitragen sollen, die World Dignity University Initiative, die ein Teil des transdisziplinäre Netzwerks Human Dignity and Humiliation Studies (HumanDHS) ist. Als Gründungspräsidentin des Netzwerks ist Evelin Lindner für den Friedensnobelpreis 2015 nominiert, auf dem Symposium turmdersinne wird sie am 11. Oktober 2015 über ihre Forschungen und Aktivitäten berichten. Inge Hüsgen hat sich mit ihr unterhalten.

Inge Hüsgen: Sie haben sich bereits in Ihrer Doktorarbeit mit der Rolle von Demütigungen in politischen Konflikten befasst. 

Evelin Lindner: Genau, in meiner Doktorarbeit habe ich mich aus sozialpsychologischer Sicht mit dem Gefühl der Erniedrigung beschäftigt, indem ich die Situation in Ruanda und Somalia mit Hitlerdeutschland verglich. Bekanntlich war es Ziel des Versailler Vertrags nach dem 1. Weltkrieg, Deutschland bewusst zu demütigen, um es ungefährlich zu machen. In meiner Arbeit untersuchte ich, welche Rolle Demütigungen bei den Konflikten in Afrika spielten.

Gibt es auch Parallelen zu Ihrer eigenen Biografie?

Meine Eltern stammen aus Schlesien und aufgrund ihrer Flucht- und Kriegserfahrungen stand für mich schon früh fest, dass es nie wieder Krieg und Völkermord geben darf. Nun lebe ich seit 40 Jahren global, bin auf allen Kontinenten zuhause. Und gehe der Frage nach: Gibt es ein Potenzial für das „Nie wieder“?

Wie hat dieser globale Lebensstil Ihre Position in dieser Frage verändert?

Er trägt entscheidend dazu bei, ein Gefühl für die Menschheit insgesamt auszubilden. Solange man noch eine Wohnung als „Stützpunkt“ besitzt, stellt sich dieses Gefühl schwerer ein, auch nicht durch viele Reisen.

Sie sind Mitbegründerin des Netzwerks HumanDHS. Wie ist es dazu gekommen?

Das war während der Arbeit an meiner Promotion. Ich suchte Literatur – und musste feststellen, dass es diese Literatur nicht gab. Gleichzeitig bekam ich Kontakt zu Linda Hartling, der heutigen Direktorin der HumanDHS. Das globale transdisziplinäre Netzwerk wurde 2001 als Idee geboren, derzeit engagieren sich dort ehrenamtlich bis zu 1000 Akademiker und Aktivisten.

„Erniedrigung kann zu Gewalt führen“, heißt es im Untertitel Ihres Vortrags, und weiter: „Kann sie auch zu Liebe führen?“ Wie lautet Ihre Antwort? 
 
Das englische Wort humiliation, auf Deutsch: Demütigung, hat im Laufe der Zeit seine Bedeutung geändert. In einem englischen Wörterbuch des 18. Jahrhunderts bedeutete es noch: jemandem seinen rechtmäßigen Platz zuweisen. Wenn Gott oder ein Herrscher seine Untergebenen demütigte, tat er ihnen damit etwas Gutes und es wurde erwartet, dass sie ihn dafür liebten. Erst später hat der Begriff die heutige, negative Bedeutung angenommen.
 
Da spiegelt sich also ein grundsätzlicher gesellschaftlicher Wandel wider?

Genau. Heute geht es uns darum, aus der Erfahrung von Demütigung – unrechter, menschenrechtsverletztender Natur – Liebe zu entwickeln. Wir kennen viele Beispiele aus der Geschichte, in denen genau das nicht passiert ist, und reagieren mit Empörung auf solche Fälle. Doch oft sind wir selbst gar nicht so weit davon entfernt – etwa, wenn wir im Laden T-Shirts zum Ramschpreis kaufen und dabei die Augen vor dem Leid der Näherinnen in Bangladesh verschließen. Es liegt an uns, durch die Demütigung anderer unsere globale Verantwortung zu erkennen und sie in Liebe zu übersetzen.


Symposium turmdersinne 2015
Sonntag, 11. Oktober 2015, 09:45-10:30
Von Demütigung zu Terror und Krieg
Erniedrigung kann zu Gewalt führen, kann sie auch zu Liebe führen? (Zusammenfassung)

Symposium turmdersinne 2015
Gehirne zwischen Liebe und Krieg
9.-11. Oktober 2015, Stadthalle Fürth
 Anmeldung
#symp2015


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