News

Mittwoch, 20. Mai 2015

Symposium 2015: Interview mit Prof. Dieter Birnbacher

Foto: Evelin Frerk

Interview mit Prof. Dieter Birnbacher

Dieter Birnbacher gehört zu den einflussreichsten deutschen Ethikern der Gegenwart. Er ist Professor für Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung. Auf dem Symposium turmdersinne in Fürth (9.-11. Oktober 2015) wird er mit einem Vortrag vertreten sein. Helmut Fink hat sich mit Dieter Birnbacher unterhalten.


Helmut Fink: Der Mensch hat enorme Potentiale zu Aufbau und Zerstörung, zu Liebe und Krieg. Religionen beschreiben den Menschen als erlösungsbedürftig, und auch säkularen Denkern erscheint er oft unfertig. Worauf dürfen wir in kultureller Hinsicht hoffen?

Dieter Birnbacher: Die Hoffnungen auf eine moralische Zivilisierung des Menschen, wie sie die Aufklärung zum Programm gemacht hat, werden scheinbar immer wieder durch die Erfahrung widerlegt, insbesondere durch die Erfahrungen von Gewalt und Unterdrückung – mit immer raffinierteren Mitteln. Wenn wir die langfristige historische Entwicklung sehen, gibt es allerdings keinen Grund, das Projekt der Aufklärung als gescheitert zu betrachten. Nahezu alle historischen Perioden vor unserer sahen mehr Gewalt und Unterdrückung als die heutige, niemals gab es mehr Intelligenz und Freiheit als in den von manueller Arbeit zunehmend entlasteten  modernen Gesellschaften. Ich bin zuversichtlich, dass die Entwicklung weltweit in diese Richtung weitergehen wird.

Verändern die Forschungsergebnisse der Neurobiologie unser Menschenbild oder erklären sie nur altbekannte menschliche Stärken und Schwächen besser?
 
Meine Antwort fällt gemischt aus. Einerseits kann man sagen, dass die neurobiologischen Erkenntnisse weitgehend nur bestätigen, was die Psychologie bisher auch schon wusste. Sie liefern gewissermaßen die „Hintergrundmusik“ zu Erkenntnissen, die die Psychologie mithilfe ihrer ganz anderen Verfahren bereits lange vorher gewonnen hatte. Sie erklären psychische Phänomene durch deren neurophysiologische Bedingungen und decken die im Gehirn ablaufenden Prozesse auf, die den in Verhalten und Bewusstsein ablaufenden Phänomenen zugrunde liegen. Unter klinischen Gesichtspunkten eröffnen sie damit eine große Zahl neuer Ansatzpunkte für die Diagnose und Therapie von psychischen Krankheiten und Störungen. Auf der anderen Seite haben sie aber auch eine erhebliche metaphysische Bedeutung. Sie haben das Potenzial, das Menschenbild insgesamt zu verändern, und zwar dadurch, dass sie die Annahme bestätigen, dass alle Bewusstseinsphänomene letztlich auf Gehirnphänomene zurückgehen. Diese Annahme ist zwar keineswegs neu – sie gehört zu den Kernannahmen aller Formen eines materialistischen Menschenbilds –, aber sie war doch durch alle Zeiten hochgradig umstritten, nicht nur auf Seiten der Theologie. Auch heute noch scheint die Mehrzahl der Menschen starke Sympathien für den metaphysischen Dualismus in einer Form zu haben, die zulässt, dass das Bewusstsein – als „Seele“ – unabhängig von einem funktionierenden Organismus existieren und den physischen Tod überdauern kann. Aber je mehr die Befunde der Neurowissenschaften nahelegen, dass bestimmten Bewusstseinszuständen bestimmte Gehirnzustände zugrunde liegen, als desto unwahrscheinlicher muss es gelten, dass das Bewusstsein als Ganzes abgekoppelt von Gehirnprozessen existieren kann.

Wie schätzen Sie das Verhältnis der Philosophie zu den Neurowissenschaften ein: Besteht heute ein fruchtbarer interdisziplinärer Austausch?

Ein solcher Austausch besteht seit längerem und ist weiterhin ausgesprochen fruchtbar. Die Neurowissenschaften wie die Psychologie haben dazu beigetragen, die traditionellen Vorstellungen der Philosophie von Wesen und Funktionsweise mentaler Zustände, Vorgänge und Operationen zu revidieren und zu differenzieren. Vergleichen Sie das aus heutiger Sicht höchst primitive Bild etwa der menschlichen Gefühle, das einerseits in Descartes' Schrift über die „Leidenschaften der Seele“, andererseits in einer der heutigen philosophischen Emotionstheorien gezeichnet wird. Dabei hat die moderne philosophische Anthropologie wesentlich von der Psychologie (einschließlich der Tiefenpychologie) gelernt. Sie hat vor allem gelernt, wie komplex und vielfältig die psychischen Phänomene sind, wobei die philosophischen Vorgänger, etwa Schopenhauer und Nietzsche, ihrerseits der Psychologie wichtige Anregungen gegeben haben. So stammt der Begriff des Unbewussten aus der Philosophie des Deutschen Idealismus. Bereits von Eduard von Hartmann stammt eine zweibändige „Philosophie des Unbewussten“. Darüber hinaus lassen sich sehr viele Einsichten der Psychoanalyse bereits bei Schopenhauer nachweisen. Heute erstreckt sich die Kooperation über die Fachgrenzen hinweg nicht nur auf die alten Themen wie Leib-Seele-Problem und Willensfreiheit. Hinzugetreten ist eine Vielzahl neuer Themen, etwa Fragen der Personenidentität sowie ethische Fragen im Zusammenhang mit Veränderungen der Psyche durch Eingriffe ins Gehirn.

Woran würden Sie die Zurechenbarkeit von Handlungen festmachen, wenn alle Vorgänge einschließlich des menschlichen Verhaltens naturgesetzlich festgelegt sind? 

Ich glaube, dass wie in der Natur insgesamt auch im Bereich des Gehirns und der Psyche nicht schlechthin sämtliche Ereignisse „naturgesetzlich festgelegt“ sind, sondern dass hier wie da echte Zufallsereignisse vorkommen. Für die Frage der Zurechnung von Handlungen zu Personen trägt das aber nicht viel aus, denn Zufall ist ebenso wenig Freiheit wie Naturnotwendigkeit. Wer – wie Epikur und der Atomphysiker Pascual Jordan – seine Hoffnungen auf den Indeterminismus der Atome oder der subatomaren Prozesse setzt, muss sich fragen lassen, was eigentlich wünschenswert ist an einer Willensentscheidung, die nur deshalb unprognostizierbar ist, weil sie auf vereinzelte mikroskopische Irregularitäten zurückgeht. Zurechnung ist eine kulturelle Praxis, die nicht auf metaphysische Annahmen angewiesen ist und die sich in erster Linie praktisch legitimieren muss, insbesondere durch ihre Fähigkeit, zu einem bestimmten sozial erwünschten Verhalten zu motivieren. Das kann sie allerdings nur so weit, als sie Verhaltensbereitschaften verstärkt, über die die betreffende Person auch tatsächlich verfügt. In der Aufklärung der Spielräume willentlicher Verhaltenssteuerung, nach denen wir die Zuschreibung moralischer und strafrechtlicher Verantwortlichkeit  bemessen können, sehe ich eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben der Neurowissenschaften. Es ist nicht nur weitgehend sinnlos, sondern auch schädlich, jemandem etwas moralisch zuzurechnen, was er auch bei größter Willensanstrengung nicht leisten kann. Eine Strafpraxis, die das dennoch tut, lässt sich allenfalls durch das Motivierungspotenzial für andere, die über diese Verhaltensbereitschaften verfügen, also durch ihre „Abschreckungswirkung“ rechtfertigen.

Manche Konzepte von Willensfreiheit sind mit Determinismus verträglich, andere nicht. Welches vertreten Sie?


Der Gegenbegriff zum Determinismus ist, wie gesagt, nicht Freiheit, sondern Zufall. Ein Handeln, das von Zufällen abhängt, kann jedoch kaum als freier gelten als ein Handeln, das sich aus der Persönlichkeit eines Menschen naturgesetzlich ergibt.
Im Gegenteil, nur ein Handeln, das bestimmten Bedingungen der Authentizität  – zusammen mit solchen der Verstehbarkeit oder der Rationalität – genügt, kann als frei gelten. Unfrei sind typischerweise Verhaltensweisen infolge von Pathologien, die einer Person nicht zuzurechnen sind, während Verhaltensweisen, die ihrem Charakter entsprechen, es in der Regel nicht sind. Hume hat zu zeigen versucht, dass Freiheit den Determinismus voraussetzt, insofern Handlungen nur dann frei sind, wenn sie naturgesetzlich aus dem Charakter folgen. Aber das heißt, einen Schritt zu weit zu gehen. Unser Charakter legt uns allenfalls auf allgemeine Verhaltenstendenzen fest, bei einzelnen Handlungen haben wir oft Wahlmöglichkeiten. Außerdem ist der Charakter seinerseits nicht unveränderlich.


Symposium turmdersinne 2015

Gehirne zwischen Liebe und Krieg. Menschlichkeit im Zeitalter der Neurowissenschaften
09.-11.20.2015, Stadthalle Fürth 

#symp2015


Zum Weiterlesen:



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen