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Samstag, 1. November 2014

Wie Babys ängstliche Gesichter erkennen



Stimmen und Gesichter. Das ist es, was uns Menschen interessiert, von Anfang an. Schon Neugeborene reagieren auf den direkten Blick ihres Gegenübers, wie die Heidelberger Entwicklungspsychologin Sabina Pauen beim Symposium turmdersinne 2014 im September erläuterte.

Nicht ohne Grund spricht Pauen von "sozialen Entdeckern in Windeln". Dass Babys offenbar bereits mit sieben Monaten Emotionen im Gesicht ihres Gegenübers erkennen, darauf weisen nun aktuelle Forschungsergebnisse hin. Ein unmerklich kurzer Blick in die Augen genügt dazu, so Sarah Jessen und Tobias Grossmann vom Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften.

Eine Schlüsselrolle spielt dabei die weiße Lederhaut des Auges, auch Sclera genannt. Beim Menschen ist sie sehr viel deutlicher zu sehen als bei den meisten Tieren, bei denen lediglich die Iris des Auges sichtbar ist. Dank ihr erkennen wir sofort die Blickrichtung unseres Gegenübers. Besonders stark tritt die Lederhaut bei angstvoll geweiteten Augen zutage – ein Alarmsignal für den Betrachter. 

Doch kommt es dabei tatsächlich nur auf die Lederhaut an? Und reagieren Babys auf solche Signale auch, wenn sie nur für Sekundenbruchteile sichtbar sind? Um dies herauszufinden, zeigten die Forscher ihren kleinen Probanden für 50 Millisekunden Bilder von Gesichtern - zu kurz, um in diesem Alter bewusst wahrgenommen zu werden. Die Bilder waren stark schematisiert und zeigten lediglich die weiße Sclera auf schwarzem Grund, sodass die Babys sich nicht an anderen Bildinformationen, etwa der Mimik, orientieren konnten. Einige Augenpaare schauten die Babys direkt an, andere blickten an ihnen vorbei. 

Wie eine gleichzeitige Messung de Hirnaktivität zeigte, reichten die winzige Zeitspanne und die reduzierte Darstellung aus, um bei den Säuglingen Reaktionen hervorzurufen.Bilder mit ängstlichen Blicken riefen die stärksten Reaktionen in verschiedenen Hirnarealen hervor – besonders, wenn die Augen direkt auf den Betrachter gerichtet waren. Schaute die abgebildete Person am Betrachter vorbei, fiel die Angstreaktion etwas schwächer aus.

Studienleiter Tobias Grossmann kommt zum folgenden Fazit: "Dass Menschen die Blicke und Gefühle anderer schon von frühester Kindheit an lesen können, ist ein Indiz dafür, wie wichtig diese Fähigkeit für unser Zusammenleben ist." Demnach ist das Erkennen von Emotionen in Gesichtern ein zentrales Indiz für die soziale Entwicklung. Gerät sie zwischen dem zweiten und sechsten Lebensmonat ins Stocken, kann dies auf spätere soziale Defizite oder Autismus hinweisen.

Inge Hüsgen

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