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Mittwoch, 15. Oktober 2014

Symposium turmdersinne 14, Teil 1: "Den anderen verstehen"



Brokkoli gegen Autismus? Klingt fast zu gut, um wahr zu sein – gleichwohl hoffen Forscher nun, dass ein isolierter Wirkstoff aus Kohlgemüsen die sozialen und verbalen Fähigkeiten von Menschen mit Autismus verbessern kann. Sulforaphan heißt die Substanz, die zumindest in einer ersten Studie deutliche Effekte zeigte. Was sie wirklich drauf hat, sollen zukünftige Forschungen zeigen. 

Eine autistische Störung kann gesamte Sozialleben der Betroffenen tiefgreifend beeinflussen. Denn der Umgang mit den Mitmenschen ist grundlegend für unsere Entwicklung und das gesamte Leben. Doch dazu müssen wir die Signale der anderen verstehen. Etwa zwei Drittel dieser Kommunikation geschieht nonverbal. Aus Mimik und Körpersprache ziehen wir Rückschlüsse über die Stimmung unserer Mitmenschen, versetzen uns in ihr Erleben hinein und können ihre Handlungen in gewissem Grade vorhersagen. 

Wie dies genau geschieht und was die Neurowissenschaften zum Verständnis der menschlichen Bindung beitragen, war Thema des Symposium turmdersinne 2014, das vom 26. bis 28  September in Fürth stattfand. Die knapp 800 Besucher - so viele wie nie zuvor bei einem Symosium turmdersinne - erlebten spannende Diskussionen und Vorträge von 13 namhaften Referentinnen und Referenten aus so unterschiedlichen Fachrichtungen wie Psychologie, Neurowissenschaften und Informatik. 


Volles Haus beim Symposium turmdersinne

Die Vorteile des multidisziplinären Ansatz zeigte der Einführungsabend mit einem Doppelvortrag. Auf dem Podium: der Bochumer Philosoph Prof. Albert Newen sowie der Kölner Neurologe und Psychiater Prof. Kai Vogeley. Wie Puzzleteile fügen sich ihre Ansätze zusammen und helfen, unser Bild vom Sozialwesen Mensch immer weiter zu vervollständigen. 

Ein Gehirn, zwei Wissenschaftler: Kai Vogeley (l.) und Albert Newen


Auf welchem Wege wir Gefühle, Wünsche und Pläne unseres Gegenübers erkennen, war das Thema von Albert Newens Beitrag. Seine Theorie des Verstehens geht davon aus, dass wir je nach Situation eine Vielzahl von Verstehensstrategien anwenden. Zusätzlich bauen wir durch Erfahrungen im Alltag explizite Personenbilder und kulturabhängige Personenmodelle, wir automatisch oder reflektiert anwenden. 

Was geschieht bei all dem im Gehirn geschieht, erklärte anschließend Kai Vogeley. Eine zentrale Rolle spielen die Spiegelneuronen, die offenbar auf körperliche Bewegungen des Gegenübers reagieren. Etwas später meldet sich ein zweites System. Dieses sogenannte Mentalisierungssystem ermittelt den Gemütszustand der betreffenden Person. Das Zusammenspiel beider Mechanismen lässt uns ziemlich genau abschätzen, ob die betreffende Person beispielsweise gerade glücklich oder traurig ist - ein hochkomplexer Vorgang, der uns in der Regel nur dann bewusst wird, wenn er fehlerhaft funktioniert.

Text. Inge Hüsgen 
Fotos: Karin Becker

Zum Weiterlesen: 

  • Albert Newen: Philosophie des Geistes. Eine Einführung. C.H. Beck, 2013.
  • Kai Vogeley, Albert Newen: Selbst und Gehirn. Mentis Verlag, 2000 (antiquarisch erhältlich).
  • Kai Vogeley: Anders sein. Asperger-Syndrom und Hochfunktionaler Autismus im Erwachsenenalter. Beltz, 2012.
Schon jetzt vormerken: 


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