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Donnerstag, 12. Dezember 2013

Mona Lisa in 3D



Claus-Christian Carbon ist Professor für Psychologie, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des turmdersinne.



Aktuelle Forschungen von ihm, die er im Herbst 2013 gemeinsam mit seiner Kollegin Vera Hesslinger von der Universität Mainz veröffentlicht hat, münden in eine überraschende These, die in der Fachwelt für Aufsehen sorgt: Leonardo Da Vincis berühmte Mona Lisa sei Teil eines vermutlich bewusst angelegten stereoskopischen Bilderpaares. Gemeinsam mit  einer zeitgleich entstandenen Kopie des Porträts betrachtet, ruft das Gemälde im Gehirn den Eindruck von räumlicher Tiefe hervor. Inge Hüsgen und Rainer Rosenzweig unterhielten sich mit Claus-Christian Carbon über Leonardos Trick. 

Betrachten Sie die Bilder über Kreuz - etwa indem Sie einen Finger zwischen Augen und Bildschirm fokussieren. Wenn Sie im Hintergrund dann drei Bilder der Mona Lisa sehen, ist das mittlere davon das räumliche.
Herr Carbon, Sie arbeiten in der Wahrnehmungs- und Gedächtnispsychologie sowie auf anderen Gebieten der Kognitionsforschung. Die Beschäftigung mit Gemälden alter Meister ist da eher ungewöhnlich. Wie entstand überhaupt die Idee, zu untersuchen, ob es sich bei den beiden Bildern um ein Stereoskopie-Paar handeln könnte

Claus-Christian Carbon: Wir erforschen an meinem Lehrstuhl schwerpunktmäßig kognitive Phänomene der Gesichtsverarbeitung und aus dem Bereich der Ästhetik. Phänomene, die beim Betrachten der Mona Lisa auftreten, treffen da sozusagen direkt in die Mitte. Daher ist die wahrnehmungspsychologische Erforschung der Mona Lisa auch besonders spannend, denn sie verbindet unterschiedliche Forschungsbereiche.

Unterstellen Sie den beteiligten Künstlern die Absicht, einen stereoskopischen Effekt zu erzielen? Oder ergibt sich der stereoskopische Aspekt nicht ganz zwangsläufig, automatisch durch die Tatsache, dass einfach zwei Bilder von nahe beieinander liegenden Perspektiven aus zeichnerisch rekonstruiert wurden – auch ganz ohne Intention der beteiligten Künstler?

Erst einmal muss man festhalten, dass zunächst eine extrem hohe künstlerische Qualität notwendig ist, um überhaupt zwei Abbildungen derselben Person aus verschiedenen Winkeln so detailgetreu erstellen zu können. Leonardos Studio war dazu ganz klar imstande.  Das beweisen einige hochwertige Kopien aus seinem Atelier, zum Beispiel zum Sujet „Anna selbdritt“. Im vorliegenden Fall der Mona Lisa und ihres Schwestergemäldes, welches im Prado quasi wiederentdeckt wurde, ist zudem gegeben, dass die Gemälde gleichzeitig aus verschiedenen Blickwinkeln gemalt wurden, und zwar genau mit einer solchen Disparität (horizontalen Verschiebung), die dem menschlichen Augenabstand entspricht. Dies legt eine Intention nahe, ist aber natürlich noch kein vollständiger Beweis für diese These.


Eine dreidimensionale Mona Lisa –welches darstellerische Prinzip steckt dahinter?

Die paarweise Bildanalyse von allen eindeutig definierbaren Bezugspunkten (die Nasenspitze, die Augenwinkel, Fingerspitzen, etc.) zeigt einen klaren Perspektivenunterschied, welcher kompatibel ist mit den stereoskopischen Sehgewohnheiten eines Menschen.

Leonardo gilt als das Ausnahmegenie schlechthin, der Mann, der seiner Zeit voraus war. Wie ordnen Kunsthistoriker die Entdeckung ein, sind Vorläufer bzw. Vorstudien bekannt, und was weiß man über die zeitgenössische Rezeption der beiden Bilder? Wenn sie tatsächlich bewusst als stereoskopisches Paar angelegt wurden, sollte man erwarten, dass sie auch nebeneinander gehängt wurden.

Die ersten anerkannten stereoskopischen Darstellungen wurden auf Basis räumlich versetzter Fotoaufnahmen in den 1830er Jahren erstellt—lange Zeit also nach da Vinci. Die Kunstgeschichte wird ganz bestimmt durch den neuen Befund auch die Bedeutung der Prado Version der Mona Lisa deutlich aufwerten. Ein persönlicher Traum wäre, dass beide Versionen nebeneinander einen Platz im Museum finden, mit ganz neuer Interpretation auch für die Louvre Version—und dem expliziten Hinweis auf die hohe Bedeutung der Wahrnehmungspsychologie für die Kunstforschung. Ob Leonardo selbst die beiden Versionen nebeneinander in Augenschein genommen hat, ist nicht explizit bezeugt, aber wir wissen von Inventarlisten, dass sich in seinem Besitz zeitweise nicht nur eine Version der Mona Lisa befunden hat.

Was meinen Sie: Schlummern in den Museen noch weitere, vergleichbare Überraschungen?

Ich bin vor allem gespannt darauf, ob wir weitere historische Hinweise auf stereoskopische Versuche finden werden. Dazu müssen meines Erachtens auf Seiten der Künstler aber zwei wichtige Grundbedingungen erfüllt sein: Erstens eine sehr tiefe wissenschaftliche Beschäftigung mit dem dreidimensionalen Wahrnehmen und zweitens eine extrem hohe künstlerische Begabung, um feine Details perspektivisch präzise darstellen zu können. Beide dieser Forderungen wurden von Leonardo bzw. von ihm und seinem Studio offensichtlich erfüllt. Aber es gibt ja noch andere Kandidaten, die sich intensiv mit solchen Themen beschäftigt haben, einer davon kommt aus Nürnberg, und auch er ist nicht zu unterschätzen…

Der Text ist die ausführliche Version des Beitrags im aktuellen turmdersinne-Newsletter SinnesOrgan 4/2013.

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