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Montag, 24. Juni 2013

Was erklärt die Hirnforschung?


Ein Interview mit Brigitte Falkenburg (ungekürzte Version).

Brigitte Falkenburg ist Physikerin und Philosophin sowie Professorin für Theoretische Philosophie mit Schwerpunkt Philosophie der Wissenschaft und Technik an der Technischen Universität Dortmund. In ihrem aktuellen Buch „Mythos Determinismus“ (erschienen 2012 bei Springer) stellt sie die These auf, dass die Neurobiologie an längst überholten mechanistischen Vorstellungen festhält und dadurch zu Fehlschlüssen über den menschlichen Geist und den freien Willen gelangt. Beim Symposium turmdersinne vom 4. bis 6. Oktober in Fürth wird sie Gelegenheit haben, ihre kritischen Thesen mit den dort versammelten Hirnforschern und Philosophen und den anwesenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu diskutieren. Im Vorfeld befragte sie Helmut Fink für den turmdersinne:

Haben Philosophie und Neurowissenschaften in den letzten Jahren zu einem fruchtbaren Austausch gefunden? Wo sehen Sie noch dringenden Verständigungsbedarf?

Brigitte Falkenberg: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Philosophen wie Thomas Metzinger oder Albert Newen mit Neurowissenschaftlern ist hochinteressant, wobei die Ziele eher durch den Rahmen der neurowissenschaftlichen Forschung gesteckt sind als durch die Philosophie. Umgekehrt führen Philosophen wie Paul und Patricia Churchland die Ergebnisse der Hirnforschung an, um die These zu stützen, das Bewusstsein sei auf seine neuronale Basis reduzierbar. Der Streit um Hirnforschung und Willensfreiheit zwischen Neurowissenschaftlern wie Gerhard Roth und Wolf Singer und den Moralphilosophen besteht dagegen eher in einem ausgiebigem Aneinander-Vorbeireden als in fruchtbarem Austausch. Dringenden Verständigungsbedarf sehe ich hier vor allem in Bezug auf die Bereitschaft, sich auf die Denkweise und die wichtigsten Einsichten der jeweils anderen Seite einzulassen. Philosophen sprechen von Motiven und Gründen, Hirnforscher von neuronalen Ursachen; die Philosophen fordern hier Begriffsklärung, während viele Neurowissenschaftler sehr vage von „Ursachen“ oder „Determinismus“ reden. Was allseits fehlt, ist die wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung mit den faktischen Erklärungsleistungen und Grenzen der Hirnforschung.

Ihr letztes Buch trägt den Titel „Mythos Determinismus“. Gewiss gibt es echten Zufall in der Welt, die Quantentheorie beschreibt ihn präzise. Aber sind wir in unserem Verhalten nicht doch durch die Verschaltungen der Neuronen festgelegt und in diesem Sinn „determiniert“?

Hier kommt die unscharfe Rede von „festgelegt sein“ oder „Determination“ ins Spiel. Jedes neuronale Netz, auch das Gehirn, arbeitet stochastisch; seine Prozesse und deren Ergebnisse sind nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit festgelegt. Bei der probabilistischen Determination ist der Einzelfall gerade nicht determiniert. Die Thermodynamik, nach der unser Gehirn ein hochgradig nicht-lineares komplexes System mit vielen Freiheitsgraden der Systementwicklung ist, darf hier so wenig vergessen werden wie die Plastizität des Gehirns: Wenn das Gehirn geschädigt ist, können sich betroffene kognitive Funktionen zu einem gewissen Grad in andere Hirnareale verlagern und regenerieren. Bei alledem ist nichts strikt determiniert; das elektrotechnische Modell der „Verschaltung“ der Neurone hat hier seine Grenzen. Evolutionsbiologisch ist es allerdings auch sinnvoll, dass unsere Wahrnehmung und unsere Motorik stärker determiniert ist als bewusste Entscheidungen und langfristige Planungen.

Kann „der Geist“, also unser mentales Erleben, auf das Gehirn, also auf die unterliegende Materie einwirken? Kann es mentale Verursachung bzw. mentale Wirksamkeit geben?

Tja, das wüsste ich natürlich auch gerne. Viele Alltagsintuitionen sprechen dafür. Deshalb denke ich: ja, das gibt es. Das Gegenteil ist nicht wissenschaftlich bewiesen; das berühmte Libet-Experiment beweist hier gar nichts. Anders als z.B. die Wurf- und die Fallkomponente bei einem Elfmeterstoß, der aus mehreren Blickwinkeln verfilmt ist, lassen sich die Gründe und Ursachen unseres Handelns nicht präzise vermessen. Dazu kommt: Libets Versuchspersonen waren auf schnelle Reaktion getrimmt. D.h., ihr Verhalten war trainiert und weitgehend unbewusst. Jede Tennisspielerin, jeder Autofahrer pariert bzw. tritt auf die Bremse, bevor sie oder er bewusst wahrnimmt, ob, wann und woher der Ball kommt. Unsere bewussten Entscheidungen, die auf einem Reflexionsprozess beruhen, sind etwas ganz anderes – auch wenn wir uns dabei längst nicht über alle Motive und Impulse im Klaren sind.

Die naturwissenschaftliche Forschung beruht auf einer naturalistischen Hintergrundmetaphysik, d.h. auf der konsequenten Suche nach natürlichen Ursachen. Welche zusätzlichen Strategien werden für die Erklärung geistiger Phänomeme gebraucht?
Sicher die phänomenologische Forschung, wie sie z.B. ein Anliegen von Thomas Fuchs ist, sowie die funktionale Erklärung unserer Bewusstseinsleistungen – was immer dies dann genau heißen mag. Darüber hinaus sollten sich die Hirnforscher meines Erachtens stärker damit befassen, was die Erklärungen der kognitiven Neurowissenschaft eigentlich leisten und was nicht. Wer sagt, dass geistige Phänomene, etwa bewusste Wahrnehmung oder Erinnerung, durch neuronale Prozesse verursacht sind, kann dafür keinen kausalen Mechanismus mit bekannten Komponenten anführen, sondern nur auf psychophysische Korrelationen verweisen. Beim Schluss vom Geist auf das Gehirn versagen die sonst in den Naturwissenschaften üblichen Schlüsse vom Ganzen auf seine Teile und von Wirkungen auf ihre isolierbaren Ursachen; es bleibt nur ein vieldeutiger Informationsbegriff, der als Brücke für Analogieschlüsse dient.

In welcher Hinsicht werden die Resultate der Hirnforschung nach Ihrem Eindruck heute am meisten überschätzt?

Im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit und den Alleserklärungsanspruch eines längst überholten monokausalen, krude mechanistischen Denkens. Das ist ähnlich wie bei der Kartierung des menschlichen Genoms: Es wurden riesige Hoffnungen darauf gesetzt, und vieles hat die Biologie dadurch sicher gelernt; aber das menschliche Verhalten ist längst nicht nur durch „die Gene“ determiniert, was heute ja auch von der Epigenetik untermauert wird. Ähnlich dürfte es mit der Behauptung stehen, unser Verhalten sei durch das neuronale Geschehen in unserem Gehirn determiniert. Man sollte einen Erklärungsfaktor nicht mit einer vollständigen Erklärung verwechseln.

Welche Reaktionen haben Ihre Thesen bisher bei den Hirnforschern hervorgerufen?

Mehr oder weniger faire Rezensionen meines Buchs, Vortragseinladungen, spannende Diskussionen nach den Vorträgen, etliche lehrreiche Briefe und E-Mails.

Fragen: Helmut Fink


Symposium turmdersinne 2013 
Bewusstsein - Selbst - Ich
Die Hirnforschung und das Subjektive

4.-6. Oktober 2013, Stadthalle Fürth

Programm  --- Anmeldung

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