News

Montag, 8. April 2013

Lesetipp: Wie Farben uns beeinflussen

 

Egal, ob in der geblümten Sitzgruppe oder im im schwarzen Designersessel angeschaut: Loriots "Ödipussi" macht auch nach mehr als 25 Jahren noch gute Laune.

In Sachen Unterhaltungswert können die Anthroposophen da kaum mithalten, trotz abgedrehter Farbkonzepte. So sollen in Waldorfschulen  die Klassenräume je nach "Entwicklungsstufe" der Schüler in verschiedenen Farben gestaltet werden. Die Zuordnung von Farbe und Alter ist dabei ebenso willkürlich wie das gesamte, pädagogisch längst überholte Konzept des Waldorfschulen-Gründers Rudolf Steiner.

Doch die Welt ist viel zu spannend, um es beim bloßen Glauben an Autoritäten zu belassen. Welchen Einfluss Farben wirklich auf unser Gemütsleben haben und wo die Macht der Farben endet, erklärt nun ein fundierter in Beitrag im aktuellen ZEIT-Magazin (15/2013).

Redakteur Tillmann Prüfer hat sich dafür unter anderem mit Dr. Heiko Hecht unterhalten, einem Wahrnehmungspsychologen von der Universität Mainz. Dessen Statement ist eindeutig: "Das meiste, was Farben an Wirkung zugeschrieben wird, ist Hokuspokus". 
 
Dass wir den Farben dennoch verschiedene Gefühlszustände zuordnen, hat vorwiegend semantische Gründe. Prüfer erklärt es an einem Beispiel:
Weil man Orange mit Glück verbindet, bedeutet das nicht, dass man in orangefarbener Kleidung glücklich ist. Sonst würden die zufriedensten Menschen bei der Stadtreinigung arbeiten, 
Je nach Kultur verbinden eine bestimmte Farben mit ganz unterschiedlichen Stimmungen. In Europa gilt Schwarz als Trauerfarbe,  während in asiatischen Kulturen dieselbe Rolle von Weiß besetzt wird. "Farbe hat die Wirkung, die wir ihr zusprechen", resümiert Tillman Prüfer.

Dieser Mechanismus erklärt wohl auch teilweise, warum für die Bekämpfung von sozialen Problemen wie Aggression ein Farbtopf allein nicht genügt - auch nicht das berühmte „Baker-Miller-Pink“. Dabei hatte man große Hoffnungen in den Bonbonrosa-Ton gesetzt: Weil er in Versuchen auf die Betrachter beruhigend wirkte, wird er in Haftanstalten für Gefängniszellen verwendet, in denen man vorübergehend aggressive Häftlinge unterbringt. Schon eine Viertelstunde in der rosa Zelle soll friedfertig machen.
   
Während einige Einrichtungen Erfolge melden, ist die JVA Dortmund nach einer Testphase wieder davon abgekommen.Die Mitarbeiter waren von Anfang an dagegen, schreibt SpiegelOnline. Demnach hätten sie
sich "vehement" gegen den Anstrich ausgesprochen, "da dieser Farbton mit erheblichen Vorurteilen belastet sei",
habe der NRW-Landtagsabgeordnete Peter Biesenbach (CDU) berichtet. Und weiter:
Es sei doch davon auszugehen, dass die Unterbringung in einer pinkfarbenen Zelle "gerade in dem vielfach von körperlicher Stärke und aggressiver Männlichkeit dominierten Haftalltag als Demütigung empfunden und im Ergebnis zusätzliche Spannungen auslösen wird".
Langfristige Effekte sind auch aus Sicht der Wahrnehmungsforschung mehr als unwahrscheinlich. Denn wenn man sich lange Zeit in einem farbig gestrichenen Raum aufhält, nimmt das Gehirn die Farbe nicht mehr als Besonderheit wahr.

In weiteren Beiträgen der Ausgabe geht es um Farbe in Kunst und Design. Tipp: Lesen! Am besten in einem gemütlichen Sessel Ihrer Lieblingsfarbe.

Inge Hüsgen

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen