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Donnerstag, 12. Dezember 2013

Mona Lisa in 3D



Claus-Christian Carbon ist Professor für Psychologie, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des turmdersinne.



Aktuelle Forschungen von ihm, die er im Herbst 2013 gemeinsam mit seiner Kollegin Vera Hesslinger von der Universität Mainz veröffentlicht hat, münden in eine überraschende These, die in der Fachwelt für Aufsehen sorgt: Leonardo Da Vincis berühmte Mona Lisa sei Teil eines vermutlich bewusst angelegten stereoskopischen Bilderpaares. Gemeinsam mit  einer zeitgleich entstandenen Kopie des Porträts betrachtet, ruft das Gemälde im Gehirn den Eindruck von räumlicher Tiefe hervor. Inge Hüsgen und Rainer Rosenzweig unterhielten sich mit Claus-Christian Carbon über Leonardos Trick. 

Betrachten Sie die Bilder über Kreuz - etwa indem Sie einen Finger zwischen Augen und Bildschirm fokussieren. Wenn Sie im Hintergrund dann drei Bilder der Mona Lisa sehen, ist das mittlere davon das räumliche.
Herr Carbon, Sie arbeiten in der Wahrnehmungs- und Gedächtnispsychologie sowie auf anderen Gebieten der Kognitionsforschung. Die Beschäftigung mit Gemälden alter Meister ist da eher ungewöhnlich. Wie entstand überhaupt die Idee, zu untersuchen, ob es sich bei den beiden Bildern um ein Stereoskopie-Paar handeln könnte

Claus-Christian Carbon: Wir erforschen an meinem Lehrstuhl schwerpunktmäßig kognitive Phänomene der Gesichtsverarbeitung und aus dem Bereich der Ästhetik. Phänomene, die beim Betrachten der Mona Lisa auftreten, treffen da sozusagen direkt in die Mitte. Daher ist die wahrnehmungspsychologische Erforschung der Mona Lisa auch besonders spannend, denn sie verbindet unterschiedliche Forschungsbereiche.

Unterstellen Sie den beteiligten Künstlern die Absicht, einen stereoskopischen Effekt zu erzielen? Oder ergibt sich der stereoskopische Aspekt nicht ganz zwangsläufig, automatisch durch die Tatsache, dass einfach zwei Bilder von nahe beieinander liegenden Perspektiven aus zeichnerisch rekonstruiert wurden – auch ganz ohne Intention der beteiligten Künstler?

Erst einmal muss man festhalten, dass zunächst eine extrem hohe künstlerische Qualität notwendig ist, um überhaupt zwei Abbildungen derselben Person aus verschiedenen Winkeln so detailgetreu erstellen zu können. Leonardos Studio war dazu ganz klar imstande.  Das beweisen einige hochwertige Kopien aus seinem Atelier, zum Beispiel zum Sujet „Anna selbdritt“. Im vorliegenden Fall der Mona Lisa und ihres Schwestergemäldes, welches im Prado quasi wiederentdeckt wurde, ist zudem gegeben, dass die Gemälde gleichzeitig aus verschiedenen Blickwinkeln gemalt wurden, und zwar genau mit einer solchen Disparität (horizontalen Verschiebung), die dem menschlichen Augenabstand entspricht. Dies legt eine Intention nahe, ist aber natürlich noch kein vollständiger Beweis für diese These.


Eine dreidimensionale Mona Lisa –welches darstellerische Prinzip steckt dahinter?

Die paarweise Bildanalyse von allen eindeutig definierbaren Bezugspunkten (die Nasenspitze, die Augenwinkel, Fingerspitzen, etc.) zeigt einen klaren Perspektivenunterschied, welcher kompatibel ist mit den stereoskopischen Sehgewohnheiten eines Menschen.

Leonardo gilt als das Ausnahmegenie schlechthin, der Mann, der seiner Zeit voraus war. Wie ordnen Kunsthistoriker die Entdeckung ein, sind Vorläufer bzw. Vorstudien bekannt, und was weiß man über die zeitgenössische Rezeption der beiden Bilder? Wenn sie tatsächlich bewusst als stereoskopisches Paar angelegt wurden, sollte man erwarten, dass sie auch nebeneinander gehängt wurden.

Die ersten anerkannten stereoskopischen Darstellungen wurden auf Basis räumlich versetzter Fotoaufnahmen in den 1830er Jahren erstellt—lange Zeit also nach da Vinci. Die Kunstgeschichte wird ganz bestimmt durch den neuen Befund auch die Bedeutung der Prado Version der Mona Lisa deutlich aufwerten. Ein persönlicher Traum wäre, dass beide Versionen nebeneinander einen Platz im Museum finden, mit ganz neuer Interpretation auch für die Louvre Version—und dem expliziten Hinweis auf die hohe Bedeutung der Wahrnehmungspsychologie für die Kunstforschung. Ob Leonardo selbst die beiden Versionen nebeneinander in Augenschein genommen hat, ist nicht explizit bezeugt, aber wir wissen von Inventarlisten, dass sich in seinem Besitz zeitweise nicht nur eine Version der Mona Lisa befunden hat.

Was meinen Sie: Schlummern in den Museen noch weitere, vergleichbare Überraschungen?

Ich bin vor allem gespannt darauf, ob wir weitere historische Hinweise auf stereoskopische Versuche finden werden. Dazu müssen meines Erachtens auf Seiten der Künstler aber zwei wichtige Grundbedingungen erfüllt sein: Erstens eine sehr tiefe wissenschaftliche Beschäftigung mit dem dreidimensionalen Wahrnehmen und zweitens eine extrem hohe künstlerische Begabung, um feine Details perspektivisch präzise darstellen zu können. Beide dieser Forderungen wurden von Leonardo bzw. von ihm und seinem Studio offensichtlich erfüllt. Aber es gibt ja noch andere Kandidaten, die sich intensiv mit solchen Themen beschäftigt haben, einer davon kommt aus Nürnberg, und auch er ist nicht zu unterschätzen…

Der Text ist die ausführliche Version des Beitrags im aktuellen turmdersinne-Newsletter SinnesOrgan 4/2013.

Zum Tod von Prof. Cristina Meinecke






Vor kurzem erreichte uns die traurige Nachricht vom Tod von Prof. Cristina Meinecke. Sie lehrte Psychologie an der Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg und war Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des turmdersinne.

Fast genau fünf Jahre vor ihrem Tod sprach sie im Rahmen der jährlichen Veranstaltungsreihe „Geist im Turm“ mit Helmut Fink über Methoden und Ergebnisse der Wahrnehmungspsychologie.

Unser Mitgefühl gehört den Hinterbliebenen und Angehörigen.

Mittwoch, 27. November 2013

Letzte Gelegenheit: Künstlergespräch mit Julia Brielmann


Julia Brielmann, Bewegung II (2003)
Fotografie und Malerei sind die Metiers von Julia Brielmann. Die Nachwuchskünstlerin verarbeitet in ihren Bildern fotografische Abbildungen durch den Einsatz von Farbe und malerischen Techniken. Fünf Beispiele zeigt das Hands-on-Museum seit Mai in der preisgekrönten Gruppenausstellung „Art meets Science“.
Ein wenig mögen Gemälde wie „Bewegung I, II und III“ mit ihren flirrenden Kreisen und Linien an Op-Art-Künstler wie Bridget Riley erinnern. Dennoch verfolgt Julia Brielmann einen ganz eigenen künstlerischen Ansatz: Ihr geht es darum, Bewegungsformen sichtbar zu machen. 

Wie ihre Arbeit im Detail aussieht und welche konkreten Überlegungen hinter den Bildkompositionen stehen? Dies und vieles mehr verrät Julia Brielmann beim Künstlergespräch im Hands-on-Museum am 4. Dezember 2013. Der Termin bietet auch Gelegenheit, die Ausstellung "Art meets Science" zu besuchen, die noch bis 15. Dezember im Hands-on-Museum zu sehen ist. "Art meets Science" zeigt ein breites Spektrum von Arbeiten verschiedener Künstler, die sich alle im Spannungsfeld zwischen Kunst und Wissenschaft bewegen.

Übrigens: Wer in der Vorweihnachtszeit einen Gutschein für das Hands-on-Museum turmdersinne kauft, erhält dazu gratis eine Ausgabe aus den letzten beiden Jahrgängen des Magazins Gehirn und Geist.

Auch im nächsten Jahr werden außergewöhnliche Künstler ihre Arbeiten im Turm präsentieren. Freuen Sie sich schon jetzt auf die neue Sonderausstellung, die am 9. Januar 2014 eröffnet wird. Auch dort gibt es überraschende Facetten der Fotografie zu entdecken, wenn Fotokünstler Udo Beck seine chemischen und physikalischen - doch immer auch ästhetischen - Experimente zeigt.

Mittwoch, 4. Dezember 2013, 18 - 19 Uhr: "Art meets Science" - Künstlergespräch mit Julia Brielmann
Anmeldung: Tel. 0911-9443281, E-Mail: info@turmdersinne.de

Inge Hüsgen

Donnerstag, 14. November 2013

Forum Wissenschaftskommunikation: Wie umgehen mit Parawissenschaften?

Julia Offe, Christian Weymayr, Rainer Rosenzweig, Susanne Glasmacher, Florian Freistetter (v. l.)
Foto: C. Rieken/WiD

Sie erzählen schwurbelige Ufo-Geschichten, vermarkten Zuckerkügelchen als Medizin oder raten Eltern von wichtigen Impfungen für ihre Kinder ab. Doch wie geht man mit diesen Verfechtern von Parawissenschaften um? Dies war Thema einer Podiumsdiskussion auf dem Forum Wissenschaftskommunikation in Karlsruhe am vergangenen Mittwoch, 13.11.2013.

Die Teilnehmer waren Wissenschaftskommunikatioren aus verschiedenen Bereichen: turmdersinne-Geschäftsführer Dr. Rainer Rosenzweig, Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut (RKI), der Buchautor und Science-Blogger Dr. Florian Freistetter und Dr. Christian Weymayr, Koautor des Buches „Die Homöopathie-Lüge“.Moderiert wurde die Runde von Dr. Julia Offe vom Vorstand der GWUP.

Impfgegner und Homöopathie-Fans sind allgegenwärtig in der Medienlandschaft. Zeitungen und TV räumen den Parawissenschaftlern gern einen Platz ein – wohl motiviert durch ein journalistisches Berufsethos, das alle Meinungen zu Wort kommen lässt. Doch mit diesem Pluralismus schaffen sie eine künstliche Gleichwertigkeit, wie die Teilnehmer einstimmig beklagten. 

Vielen Homöopathen kommt dies zugute, denn zu ihrer Strategie gehört der Versuch, mit der evidenzbasierten Medizin auf Augenhöhe zu diskutieren. Nur: diese gemeinsame Augenhöhe gibt es nicht, wie Christian Weymayr dezidiert klar machte.
Wer heute noch mit einer Heilung durch immaterielle, geistige Kräfte argumentiert - wie der Deutsche Zentralverband homöopathischer Ärzte in Hahnemann'scher Tradition - der argumentiert nicht mehr rational, sondern negiert die Grundlagen der Physik.
In der Politik sei Pluralismus in Ordnung, erklärte etwa Florian Freistetter. 
Aber in der Wissenschaft gibt es keine derartige Gleichwertigkeit. Die Pseudowissenschaft wird dadurch auf eine Ebene gehoben, wo sie nicht hingehört.
Um eine Aufwertung der Impfgegner zu vermeiden, ist das RKI aus diesem Spiel komplett ausgestiegen, berichtet Susanne Glasmacher.

Doch neben den Lobbyisten und den Überzeugten gibt es auch noch die große Gruppe der Verunsicherten. So bekam Florian Freistetter im Vorfeld des angeblichen Weltuntergangs 2012 Unmengen von besorgten Mails. Die Schreiber wollten allesamt wissen, was wirklich los ist mit dem angeblichen Planeten auf Kollisionskurs.

Eine Ursache für diese Verunsicherung liegt darin, dass zu wenige Menschen das Handwerksszeug zur Überprüfung von Behauptungen kennen. In der Schule kommt wissenschaftliche Methodik immer noch zu kurz, wie Rainer Rosenzweig aus eigener Erfahrung berichtete. Als Jugendlicher verschlang er die Bücher von Däniken und Johannes von Buttlar. Das Aha-Erlebnis kam in der Nürnberger Sternwarte
Dort traf ich zum ersten Mal Leute, die das Ganze auch kritisch sehen. Und die mir zeugten, dass man nicht jede Behauptung einfach hinnehmen muss, sondern auch überprüfen kann.

Inge Hüsgen

Donnerstag, 31. Oktober 2013

turmdersinne beim Forum Wissenschaftskommunikation


Homöopathie und Heilversprechen; Ufos, Geister, Wünschelruten: Alles wissenschaftlich fundiert – oder?
Dass hier eine dicke Portion Skepsis angebracht ist, wissen nicht nur Besucher der Veranstaltungsreihe „Außer Sinnen“.

Doch wie geht man am besten mit Vertretern solcher Parawissenschaften um? Darüber diskutiert turmdersinne-Geschäftsführer Dr. Rainer Rosenzweig beim Forum Wissenschaftskommunikation am Mittwoch, 13. November 2013, in Karlsruhe.  

Mit ihm auf dem Podium: die Journalistin  Nicole Heißmann, die gemeinsam mit Dr. Christian Weymayr das vieldiskutierte Buch „Die Homöopathie-Lüge“ verfasst hat, und Dr. Florian Freistetter, Astronom und Science-Blogger. Auf Astrodicticum simplex und in seinen Büchern widmet er sich auch schon mal schrägen Themen wie etwa dem Weltuntergang 2012. Die Leitung der Diskussion hat Dr. Julia Offe vom Vorstand der GWUP.

Dass der Unsinn im Wissenschaftsgewand derzeit einen Boom erlebt, wundert Rainer Rosenzweig nicht. Schließlich werde es in unserer zunehmend komplexen Welt immer schwieriger, seriöse von unseriösen Behauptungen zu unterscheiden. Wer könne schon in jedem Fall sagen, ob etwa eine neue Therapie seriös, weil methodisch gut begründet, oder eher unseriös ist, weil die Begründung fehlt oder die angewandte Methodik nichts taugt? Selbst mit guter wissenschaftlicher Ausbildung sei dies nicht immer in jedem Punkt möglich. Rosenzweig:
Gerade deswegen wird es aus meiner Sicht immer wichtiger, geradezu unumgänglich, sich auf effektive, wirkungsvolle Standards zu einigen, mit denen man die Spreu vom Weizen trennen kann. Sprüche wie "Wer heilt hat recht!" oder der unangebrachte Hinweis auf Hamlets "Dinge zwischen Himmel und Erde" signalisieren für mich die besorgniserregende Tendenz, sich für die Methodik der Erkenntnisgewinnung gar nicht mehr zu interessieren und stattdessen blind oder je nach Gusto allen möglichen Behauptungen Tür und Tor zu öffnen, wenn diese gesellschaftlich opportun erscheinen.

Das Forum Wissenschaftskommunikation der Initiative Wissenschaft im Dialog findet in diesem Jahr vom 11. bis 13. November 2013 statt. Die Veranstaltung ist jährlicher Treffpunkt für Vertreter von Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsmarketing, also Wissenschaftler, PR-Mitarbeiter, Wissenschaftsjournalisten sowie Lehrer und Vertreter von Science Centern.

Zu den Schwerpunktthemen gehören neue Zielgruppen und die Evaluation in der Wissenschaftskommunikation. Übrigens: Noch gibt es einige freie Plätze.

Inge Hüsgen 



Freitag, 20. September 2013

"Tom Troscianko Award" für Prof. Michael Bach



Den Besucher der Veranstaltungsreihe "Von Sinnen" ist Prof. Michael Bach vom wissenschaftlichen Beirat des turmdersinne durch seine alljährliche Präsentation von Beiträgen des "Best Visual Illusion Contest" ein Begriff. Auf einer umfangreichen Website präsentiert der Sehforscher von der Universitäts-Augenklinik Freiburg eine interaktive Sammlung von Sehphänomenen und visuellen Täuschungen.

Nun wurde Prof. Bach mit dem „Tom Troscianko Award” ausgezeichnet. „Akustische Variationen mit dem Ames-Fenster“ nannte er das Gesamtkunstwerk, welches Ames-Fenster zum Anfassen und in Musik-Filmen umfasste, mit live selbst gespielter Rockgitarre.

Das Ames-Fenster funktioniert ähnlich wie der Ames-Raum im Hands-on-Museum turmdersinne. Beide entstammen dem Ideenreichtum von Adelbert Ames (1835-1933), der sich als Maler und Wahrenhmungsforscher mit perspektivischer Wahrnehmung beschäftigte.

Beim Ames-Fenster handelt es sich um ein zweidimensionales Gebilde in Trapezform. Aufgrund unserer Seh-Erfahrungen deuten wir es jedoch als ein gewöhnliches, dreidimensionales Sprossenfenster in Schrägansicht. Damit handelt sich unser Gehirn verblüffende Täuschungen ein: Lässt man das Ames-Fenster um die Längsachse rotieren, stellt sich nach 35 bis 40 Sekunden Betrachtung ein kurioser Wahrnehmungseffekt ein: Das Fenster scheint sich nun nicht mehr zu drehen, sondern hin- und herzukippen. Mehr über die verblüffende Täuschung und Michael Bachs Video lesen Sie bald hier im Blog. 

Die Preisverleihung fand Ende August bei der jährlichen ECVP (European Conference on Visual Perception) Ende August in Bremen statt. Die Konferenz wird seit 1978 an wechselnden Orten in ganz Europa abgehalten, im Mittelpunkt stehen Fragen zur visuellen Wahrnehmung aus Sicht der Kognitions- und Neurowissenschaften sowie der Psychologie.

Der Preis erinnert an Tom Troscianko (1953-2011), der sich als Professor für experimentelle Psychologie an der Universität Bristol für die populäre Aufbereitung von Wissenschaft verdient gemacht hat. Besuchern der Nürnberger BrainWeek 2011 ist er unvergessen durch seinen fulminanten Auftritt bei der Abendshow „Science Meets Comedy“.

Dienstag, 17. September 2013

Symposium turmdersinne 2013: Jetzt noch online anmelden



Neuer Ort, bewährtes Konzept: Das Symposium turmdersinne gastiert dieses Jahr erstmals in der Stadthalle Fürth. Unter dem Titel „Bewusstsein – Selbst – Ich“ forschen Referenten und Teilnehmer dem Verhältnis zwischen Hirnforschung und der subjektiven Wahrnehmung nach. Eine spannungsreiche Beziehung: Das „Ich“ zeigt sich in keinem EEG und bleibt auf dem Hirnscan unsichtbar. Dennoch erscheint uns nichts so selbstverständlich wie das bewusste Erleben der eigenen Person

Was können nun die Hirnforscher zur Klärung beitragen? Lässt sich die “Erste-Person-Perspektive“ des Ich-Erlebens auf die „Dritte-Person-Perspektive“ der Neurobiologie zurückführen? Und in welchem Verhältnis steht die subjektive Innensicht unserer Erlebnisse zur objektiven Außensicht unserer Hirnzustände? Wie entsteht das Bewusstsein überhaupt und wovon hängt unser Selbstbild ab?

Fragen wie diese werden beim Symposium mit einigen der bedeutendsten deutschsprachigen Hirnforscher diskutiert, wobei auch renommierte Vertreter von Medizin, Psychologie und Philosophie zu Wort kommen.

Zu den Referenten gehört auch Brigitte Falkenburg, Physikerin und Philosophin sowie Professorin für Theoretische Philosophie mit Schwerpunkt Philosophie der Wissenschaft und Technik an der Technischen Universität Dortmund.

Sie beobachtet durchaus eine Tendenz zur Überschätzung von Ergebnissen der Hirnforschung. Vor allem 

im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit und den Alleserklärungsanspruch eines längst überholten monokausalen, krude mechanistischen Denkens, 

ist Brigitte Falkenburg überzeugt. Sie vergleicht die Situation mit der Kartierung des menschlichen Genoms: 

Es wurden riesige Hoffnungen darauf gesetzt, und vieles hat die Biologie dadurch sicher gelernt; aber das menschliche Verhalten ist längst nicht nur durch „die Gene“ determiniert, was heute ja auch von der Epigenetik untermauert wird. Ähnlich dürfte es mit der Behauptung stehen, unser Verhalten sei durch das neuronale Geschehen in unserem Gehirn determiniert. Man sollte einen Erklärungsfaktor nicht mit einer vollständigen Erklärung verwechseln.
Das gesamte Symposiums-Programm finden Sie hier
Das Symposium turmdersinne 2013 bei Twitter: #symp2013

Symposium turmdersinne 2013: Bewusstsein - Selbst - Ich
 4.-6.Oktober 2013, Stadthalle Fürth
Online-Anmeldung bis Montag, 23. September.

Danach ist nur noch telefonische Reservierung möglich. Falls vor Ort noch freie Plätze zur Verfügung stehen, können auch einzelne Abschnitte gebucht werden.

Donnerstag, 5. September 2013

„Art meets Science“ ist Ausstellung des Monats September!


Das bundesweit vielbeachtete und häufig genutzte Onlineportal für Museen museumskalender.de hat die aktuelle Jubiläumsausstellung „Art meets Science“ des Nürnberger Hands-on-Museums turmdersinne mit dem Titel Ausstellung des Monats September ausgezeichnet. Das Online-Portal museumskalender.de bietet mit über 1500 eingetragenen Museen einen Überblick über die vielfältige Museumslandschaft im deutschsprachigen Raum. Laut Homepage sind dem Portal „kleine, originelle und liebevoll gestaltete Museen genau so wichtig, wie die bedeutenden mit ihren großen Sonderausstellungen, die Tausende von Besuchern anziehen.“

„Dass unser kleiner Turm mit seiner Sonderausstellung auf diese Weise bundesweit ausgezeichnet wird, ist eine großartige Anerkennung und motiviert unser engagiertes Team zu weiteren ehrgeizigen Sonderausstellungsplänen in der Zukunft“, freut sich Kuratorin Jana Marks über die Prämierung durch das Online-Portal.

Noch bis 15. Dezember können im
turmdersinne am Westtor der Nürnberger Stadtmauer (Spittlertorgraben Ecke Mohrengasse) zeitgenössische Positionen regionaler, nationaler und internationaler Künstlerinnen und Künstler bewundert werden, die mit ihren Werken die Welt der Wahrnehmungsphänomene kommentieren. Ausgesuchte Werke aus Malerei, Fotografie und Film von Akbar Akbarpour, Udo Beck, Karin Birner, Marc Böttler, Julia Brielmann, Hubertus Hess, Annette Horn, Margit Hüttner, Jochen Kuhn, Lisa Lütjens und Dorle Wolf beleuchten unterschiedliche Aspekte optischen Erlebens.

Der Besuch der Sonderausstellung ist im regulären Eintrittspreis enthalten. Dieser beträgt 6 Euro, ermäßigt (Schüler, Studierende) 4,50 Euro, Gruppen ab 10 Personen: 5 Euro (Sonderführungen buchbar).

Kontakt: Jana Marks, Tel.: 0911 / 944 32 81, E-Mail: info@turmdersinne.de oder unter www.turmdersinne.de.




Freitag, 23. August 2013

Das Ohr sieht mit, die Nase auch



Kooperation heißt das Zauberwort: Wie zwei aktuelle Studien zeigen, arbeiten unsere Sinne in einigen Bereichen intensiv zusammen, ohne dass wir es bemerken. Wenn beispielsweise Probanden den Namen eines Gegenstandes hören, können sie das entsprechende Bild sogar unter Bedingungen erkennen, unter denen sie es ansonsten nicht wahrgenommen hätten, nachzulesen hier. Im Experiment einer anderen Forschungsgruppe entdeckten Versuchspersonen das Bild einer Banane schneller, wenn sie gleichzeitig Bananenduft schnupperten, siehe hier.
 
Die Zusammenarbeit von Seh- und Hörsinn stand im Zentrum der Studie von Gary Lupyan (University of Wisconsin) und Emily Ward (Yale University). Für die Versuchsanordnung nutzten die Psychologen einen technischen Trick, die sogenannte Continuous Flash Suppression (CFS). Dabei wird einem Auge ein bestimmtes Motiv gezeigt, etwa ein Kreis. Das andere Auge dagegen bekommt nur wildes Geflacker zu sehen. Vom massiven Eindruck des Flackerns beansprucht, kommt der Sehapparat nicht dazu, den Kreis zu verarbeiten, das Bild bleibt unsichtbar. 

Anders, wenn die Forscher ihren Versuchspersonen zu Anfang des Experiments ein Wort vorsprachen, das zu dem gezeigten Bild passte, zum Beispiel „Kreis“ oder „Quadrat“. Je mehr die geometrische Form auf dem Bild einem Kreis ähnelte, desto öfter wurde sie von den Probanden erkannt. Hörten die Probanden dagegen ein unpassendes Wort, blieb der Effekt aus.

Dass auch die Nase den Augen auf die Sprünge helfen kann, zeigt das Experiment eines chinesischen Forscherteams um den Psychologen Kepu Chen (Chinesische Akademie der Wissenschaften, Peking). Für ihre Versuche statteten die Forscher ihre Probanden mit Riechfläschchen aus. Über ein Nasenstück nahmen sie für die gesamte Versuchsdauer einen Duft wahr, etwa Rosen-, Zitrus- oder Bananengeruch. Die Kontrollgruppe bekam pures Wasser, jedoch wurde den Teilnehmern versichert, dass es sich um einen schwachen, unbewusst wahrgenommenen Duftstoff handele.

So ausgestattet, erledigten die Versuchsteilnehmer unterschiedliche Aufgaben. So zeigte man ihnen ein Bild mit verschiedenen Haushaltsgegenständen, alle gelb eingefärbt und gleich groß abgebildet. Die Probanden sollten nun möglichst rasch erkennen, ob eine Banane dabei war, und an welcher Stelle im Bild sie sich ggf. befand. Und siehe da: Wer den Bananenduft schnupperte, entdeckte die Frucht deutlich schneller.

In die gleiche Richtung weisen die Ergebnisse eines zweiten Versuchs. Diesmal rochen die Probanden jeweils Rosen- oder Zitrusduft, während sie eine Bildschirmaufgabe erledigten. Sie fixierten ein Kreuz in der Mitte des Monitors, wo nebeneinander kurz die Bilder einer Zitrone und einer Rose aufblitzten. Anschließend erschien wieder das Kreuz, ehe am Monitor-Rand ein Streifenmuster erschien. Die Richtung der Streifen sollten die Probanden erkennen. Der Gruppe mit Rosenduft gelang dies dann am schnellsten und genauesten, wenn das Muster auf derselben Seite des Bildschirms erschien, wie zuvor die Rose. Umgekehrt waren die Teilnehmer mit Zitrusduft erfolgreicher, wenn sich das Muster und die Zitrone auf der selben Seite befanden.

Inge Hüsgen 


Freitag, 2. August 2013

Sommer, Sinne, Schnitzeljagd




Endlich Sommerferien! Für alle neugierigen jungen Forscher hat das turmdersinne-Team wieder ein umfangreiches Ferienprogramm zusammengestellt. Während der gesamten Ferien – also bis 11. September - öffnet das Hands-on-Museum täglich seine Pforten, auch montags, Öffnungszeiten von 11 bis 17 Uhr.

Kinder von 6 bis 10 Jahren erwartet eine spannende Schnitzeljagd im Museum. Viele versteckte Hinweise bei den interaktiven Experimentierstationen ergeben zusammen die Lösung. Wer sie herausfindet, bekommt eine süße Überraschung.

Darüber hinaus beteiligt sich der turmdersinne auch dieses Jahr wieder am Ferienprogramm „Mach mit!“ des Jugendamtes Nürnberg. 

Den Anfang macht am Dienstag, 6. August, der interaktive Workshop „Spaß am SEHEN“ für Kinder zwischen 7 und 10 Jahren. Einen zweiten Termin gibt es am 10. September 2013.

In einer Führung durch den Turm erleben die Kinder zunächst ausgewählte, verblüffende Wahrnehmungsphänomene. Anschließend machen sie sich mit der Digitalkamera auf die Suche nach spannenden Motiven im Turm und lernen ganz nebenbei die Welt des Sehens zu  „be-greifen“. Angeleitet werden die Nachwuchsfotografen von der Fotokünstlerin Annette Horn, die sie spielerisch an unterschiedliche Materialien und fotografische Techniken heranführt.

Workshop „Spaß am SEHEN“ (7-10 Jahre)
Dienstag, 06.08.2013, 9.00 Uhr bis 11.30 Uhr
Dienstag, 10.09.2013, 9.00 Uhr bis 11.30 Uhr
Kosten pro Kind: 7,- €.
Die Teilnehmeranzahl ist auf 12 Kinder beschränkt.

Am 21. August, 10 bis 12 Uhr, steht der Forscherrundgang für Kinderzwischen 6 und 12 Jahren auf dem Programm. Angeleitet durch einen Besucherbetreuer, erleben sie die eigene Wahrnehmung auf ganz neue, spannende Art und Weise und lernen Hirn und Sinne besser kennen.

Forscherrundgang
Mittwoch, 21. August 2013, 10-12 Uhr
Kosten pro Kind: 6,50 €
Die Teilnehmerzahl ist auf 18 Kinder beschränkt.

Junge Menschen ab 8 Jahren und Jugendliche dürfen sich auf die Erlebnisführung am 28. August, 10-12 Uhr, freuen. Auch sie lernen dort zunächst das Museum und seine Exponate kennen, um sich anschließend je nach individuellem Interesse mit den Phänomenen zu beschäftigen.

Forscherrundgang
Mittwoch, 28. August, 10-12 Uhr,
Kosten pro Kind/Jugendlichen: 6,50 Euro
Die Teilnehmerzahl ist auf 30 Personen beschränkt

Information & Anmeldung zu allen Veranstaltungen:
Tel.: 0911 / 9443281 oder E-Mail: info@turmdersinne.de.

Inge Hüsgen

Freitag, 26. Juli 2013

Flausch-Buddhismus - von wegen!



Klingt alles ganz easy: 
Meine Philosophie ist Freundlichkeit.
Die Liebe und das Mitgefühl sind die Grundlagen für den Weltfrieden – auf allen Ebenen.
Zunächst sollte man reiflich bedenken, wie ähnlich man den anderen ist: Sie erfahren Freude und Leid genau wie ich. Darum muß ich sie beschützen wie mich.

Mit Sprüchen wie diesen und einer Extraportion Wohlfühl-Spiritualität hat sich der Dalai Lama in die Herzen vieler Europäer geflauscht.  

Der Mann ist ein Popstar, ein Promi und heilig obendrein. Doch so viel „Seine Heiligkeit“, der 14. Dalai Lama, auch von Spruchpostkarten und den Titelseiten der Klatschblätter lächelt, so wenig hat dies mit der Realität des tibetischen Buddhismus zu tun. Der Dalai Lama gilt als Oberhaupt der "Gelbmützen"-Sekte, die bis zum chinesischen Einmarsch in Tibet herrschte. Doch statt auf Freundlichkeit, Liebe und Mitgefühl fußte das Regime auf Unterdrückung und Ausbeutung. So der Psychologe, Journalist und Sachbuchautor Dr. Colin Goldner, der sich seit vielen Jahren mit dem Thema befasst.

Privilegierte beziehungsweise benachteiligte Lebensumstände etwa wurden erklärt und gerechtfertigt durch die buddhistische Karmalehre, derzufolge sich das gegenwärtige Leben als Ergebnis angesammelten Verdienstes respektive aufgehäufter Schuld früherer Leben darstelle. Wer sich als ausgebeuteter Bauer gegen die miserablen Lebensumstände zur Wehr setzte, häufte schlechtes Karma an, mit der Folge furchtbarer Strafen im Zwischenleben zwischen Tod und Wiedergeburt, und noch elenderer Lebensbedingungen in der nächsten Inkarnation.
Kein Wunder also, dass die Bevölkerung sich lieber brav in ihr Schicksal fügte statt aufzumucken. Und wenn auch die Karma-Keule nicht half, hatten die Lamas zur Einschüchterung immer noch fiese Dämonengeschichten und - angeblich - übernatürliche Fähigkeiten auf Lager. All dies und vieles mehr erläutert Colin Goldner in seinem Vortrag am kommenden Dienstag im Nürnberger Planetarium.

Dr. Colin Goldner
Teufel, Vampire und sechzehn Höllen
Über die Abgründe des tibetischen Buddhismus
Eine Veranstaltung der Reihe "Außer Sinnen"
Dienstag, 30. Juli 2013, 19.30 Uhr
Eintritt: 7,- € (erm. 5,- €) Buchung über BZ (Kurs-Nr. 00935)
 In Kooperation mit der Giordano Bruno Stiftung Mittelfranken.

Zum Weiterlesen:
Colin Goldner:
Dalai Lama – Fall eines Gottkönigs, Alibri, Aschaffenburg 2008


Inge Hüsgen

Donnerstag, 11. Juli 2013

Außer Sinnen: Gedankenfotografie - "die Seele in der Silberschicht"

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es. Und ein Foto erscheint uns erst recht als objektives Abbild von Realität.

Oder? Trotz der zahlreichen enttäuschten Käufer bei Internet-Shops („Auf dem Foto sah das ganz anders aus...“) sind wir uns nur selten bewusst, wie sehr unsere Bildwahrnehmung durch Deutung bestimmt ist.

Damit wären wir mitten im Forschungsgebiet von Sabine Flach, Professorin für Kunst und Kunsttheorie der Gegenwart an der School of Visual Arts in New York City (NYC).

„Die Welt muss mehr über Bilder wissen“, ist Sabine Flach überzeugt. Eine Gelegenheit, dieses Wissen zu erweitern, gibt es am kommenden Dienstag, 16. Juli 2013, im Nürnberger Nicolaus-Copernicus-Planetarium, wenn sich Prof. Flach mit einem Vortrag auf die Spur einer Gruppe von ambitionierten Künstlern und Wissenschaftlern des 20. Jahrhunderts begibt. Ihr Ziel: Gedanken auf die Fotoplatte zu bannen.

Gedankenfotografie, das mag heute nach Esoterik klingen. Doch in einer Zeit, als technischer Fortschritt das Unsichtbare sichtbar machte, erschien das Ganze durchaus plausibel. Schließlich konnte man dank neuer Technik ganz ohne invasive Methoden in den Körper hineinfotografieren.

Warum sollte es dann nicht möglich sein, auch in weitere Gebiete des bislang Unsichtbaren vorzudringen, in die Welt der Gedanken? Dem Faszinosum Gehirn auf die Spur zu kommen? Denken, Fühlen, Bewusstsein abzubilden wie Knochen auf der Röntgenplatte?

Waren es in Russland Künstler wie El Lissitzky und Wassily Kandisky, gaben in Frankreich die Kognitionspsychologen den Ton an. Gemeinsam war ihnen allen der Wunsch, "die Seele in der Silberschicht“ festzuhalten, wie es der Kunsthistoriker Rudolf Arnheim formulierte.

Dazu wurde beispielsweise die Platte in ein Chemikalienbad gelegt, in welches der Proband seine Finger tauchte. Nun musste er sich auf das gewünschte Motiv konzentrieren. Bei einem anderen Verfahren setzte man sich vor die Platte und schaute sie an. 

Auf solche Weise entstanden Arbeiten wie "Die Flasche" von Louis Darget, bei der sich in den Schwaden und Schlieren tatsächlich so etwas wie eine flaschenförmige Figur ausmachen lässt. Da hat das Gehirn offenbar ganze Arbeit geleistet - allerdings nicht durch Einwirkung auf die Fotoplatte, sondern beim Betrachten, denn unsere Erwartung bestimmt mit, wie wir das Bild deuten. Ein wenig mag dies an überschwängliche Interpretationen von Hirnscans erinnern, wie sie regelmäßig durch die Presse geistern...

A propos Hirnscan: Die Künstlerin Suzanne Anker hat sich in ihrer Videoarbeit „MRI Butterfly“ mit den Thema auseinandergesetzt. Hier eine Kostprobe, das komplette Video gibt es im Vortrag.


Dienstag, 16. Juli 2013, 19.30 Uhr, Nicolaus-Copernicus-Planetarium Nürnberg
Sabine Flach: Gehirn, Denken und zerebrale Bildtechniken. Gedankenphotographie des frühen 20. Jahrhunderts
Eine Veranstaltung der Reihe Außer Sinnen 
Entritt 7,- €/erm. 5,- €, Buchung über BZ 

Inge Hüsgen

Donnerstag, 27. Juni 2013

Außer Sinnen: Wie wirksam ist die Akupunktur?



Mehrere Tausend Euro und 350 Stunden Ausbildung hat Dr. Benedikt Matenaer investiert, um das B-Zertifikat für Akupunktur zu bekommen, die höchste Stufe der Akupunkturausbildung in Deutschland.
Warum der Anästhesist, Schmerztherapeut und Palliativmediziner Matenaer trotzdem die Nadeln beiseite gelegt hat, erklärt er in einem Vortrag am Dienstag, 2. Juli 2013 in Nürnberg. 

Tatsächlich ist die Lehre der Akupunktur nicht ganz unkompliziert: Da geht es um die Lebenskraft Chi, die auf Energiebahnen (Meridianen) durch den Körper fließt. Eine Disharmonie im Chi-Fluss äußert sich durch Erkrankungen, doch zum Glück kann das Chi durch präzise Nadelstiche an die richtige Körperstelle wieder ins Lot gebracht werden. Soweit die Theorie. Allerdings hat kein Mensch das geheimnisvolle Chi oder die Meridiane jemals nachgewiesen. 

Dennoch erzielt die Methode bei einigen Indikationen gewisse Erfolge, so etwa in der Schmerztherapie. Bei anderen Diagnosen fallen die Wirksamkeitstests verheerend aus. Aber warum klappt es gerade bei Schmerzen? 

Die Wirkungen bei Schmerzbeschwerden stellen sich auch dann ein, wenn an die Akupunkturpunkte außer Acht lässt und in einen beliebigen Punkt des Körpers sticht. Fachleute sprechen deshalb von einer unspezifischen Wirkung der Akupunktur. Eine entscheidende Rolle dürfte dabei das schmerzhemmende System des Körpers spielen. 

Unsere Schmerzwahrnehmung variiert individuell und wird unter anderem von der Situation und unserer Stimmung beeinflusst. In günstigen Situationen kann ein Schmerzreiz sogar zur Ausschüttung von Endorphinen führen. Außerdem regt das Nadeln die Durchblutung an, was sich wiederum positiv auf den Muskeltonus und das Schmerzempfinden auswirkt. Deshalb hält Benedikt Matenaer ein angenehmes Ambiente für das zentrale Element jeder Akupunkturbehandlung. Phantasieprodukte wie Chi & Co braucht kein Mensch! 

Dr. Benedikt Matenaer:
Bestechende Heilversprechen
Wie wirksam ist die Akupunktur?  
Eine Veranstaltung der Reihe "Außer Sinnen"


Dienstag, 02. Juli 2013, 19.30 Uhr
Nicolaus-Copernicus-Planetarium Nürnberg
Eintritt: 7,- € (erm. 5,- €)Buchung über BZ (Kurs-Nr. 00933)
 

Übrigens: Der Vortrag ist von der Bayerischen Landesärztekammer als ärztliche Fortbildungsveranstaltung zum Erwerb des freiwilligen Fortbildungszertifikats anerkannt: Kategorie A, 2 Punkte.

Inge Hüsgen 

Links: 
gwup | die skeptiker: Skepkon 2013: Die Akupunktur kritisch betrachtet 
Benedikt Matenaer auf dem WSC 2012 in Berlin: Acupuncture  - The Good, the Bad, and the Ugly

Montag, 24. Juni 2013

Was erklärt die Hirnforschung?


Ein Interview mit Brigitte Falkenburg (ungekürzte Version).

Brigitte Falkenburg ist Physikerin und Philosophin sowie Professorin für Theoretische Philosophie mit Schwerpunkt Philosophie der Wissenschaft und Technik an der Technischen Universität Dortmund. In ihrem aktuellen Buch „Mythos Determinismus“ (erschienen 2012 bei Springer) stellt sie die These auf, dass die Neurobiologie an längst überholten mechanistischen Vorstellungen festhält und dadurch zu Fehlschlüssen über den menschlichen Geist und den freien Willen gelangt. Beim Symposium turmdersinne vom 4. bis 6. Oktober in Fürth wird sie Gelegenheit haben, ihre kritischen Thesen mit den dort versammelten Hirnforschern und Philosophen und den anwesenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu diskutieren. Im Vorfeld befragte sie Helmut Fink für den turmdersinne:

Haben Philosophie und Neurowissenschaften in den letzten Jahren zu einem fruchtbaren Austausch gefunden? Wo sehen Sie noch dringenden Verständigungsbedarf?

Brigitte Falkenberg: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Philosophen wie Thomas Metzinger oder Albert Newen mit Neurowissenschaftlern ist hochinteressant, wobei die Ziele eher durch den Rahmen der neurowissenschaftlichen Forschung gesteckt sind als durch die Philosophie. Umgekehrt führen Philosophen wie Paul und Patricia Churchland die Ergebnisse der Hirnforschung an, um die These zu stützen, das Bewusstsein sei auf seine neuronale Basis reduzierbar. Der Streit um Hirnforschung und Willensfreiheit zwischen Neurowissenschaftlern wie Gerhard Roth und Wolf Singer und den Moralphilosophen besteht dagegen eher in einem ausgiebigem Aneinander-Vorbeireden als in fruchtbarem Austausch. Dringenden Verständigungsbedarf sehe ich hier vor allem in Bezug auf die Bereitschaft, sich auf die Denkweise und die wichtigsten Einsichten der jeweils anderen Seite einzulassen. Philosophen sprechen von Motiven und Gründen, Hirnforscher von neuronalen Ursachen; die Philosophen fordern hier Begriffsklärung, während viele Neurowissenschaftler sehr vage von „Ursachen“ oder „Determinismus“ reden. Was allseits fehlt, ist die wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung mit den faktischen Erklärungsleistungen und Grenzen der Hirnforschung.

Ihr letztes Buch trägt den Titel „Mythos Determinismus“. Gewiss gibt es echten Zufall in der Welt, die Quantentheorie beschreibt ihn präzise. Aber sind wir in unserem Verhalten nicht doch durch die Verschaltungen der Neuronen festgelegt und in diesem Sinn „determiniert“?

Hier kommt die unscharfe Rede von „festgelegt sein“ oder „Determination“ ins Spiel. Jedes neuronale Netz, auch das Gehirn, arbeitet stochastisch; seine Prozesse und deren Ergebnisse sind nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit festgelegt. Bei der probabilistischen Determination ist der Einzelfall gerade nicht determiniert. Die Thermodynamik, nach der unser Gehirn ein hochgradig nicht-lineares komplexes System mit vielen Freiheitsgraden der Systementwicklung ist, darf hier so wenig vergessen werden wie die Plastizität des Gehirns: Wenn das Gehirn geschädigt ist, können sich betroffene kognitive Funktionen zu einem gewissen Grad in andere Hirnareale verlagern und regenerieren. Bei alledem ist nichts strikt determiniert; das elektrotechnische Modell der „Verschaltung“ der Neurone hat hier seine Grenzen. Evolutionsbiologisch ist es allerdings auch sinnvoll, dass unsere Wahrnehmung und unsere Motorik stärker determiniert ist als bewusste Entscheidungen und langfristige Planungen.

Kann „der Geist“, also unser mentales Erleben, auf das Gehirn, also auf die unterliegende Materie einwirken? Kann es mentale Verursachung bzw. mentale Wirksamkeit geben?

Tja, das wüsste ich natürlich auch gerne. Viele Alltagsintuitionen sprechen dafür. Deshalb denke ich: ja, das gibt es. Das Gegenteil ist nicht wissenschaftlich bewiesen; das berühmte Libet-Experiment beweist hier gar nichts. Anders als z.B. die Wurf- und die Fallkomponente bei einem Elfmeterstoß, der aus mehreren Blickwinkeln verfilmt ist, lassen sich die Gründe und Ursachen unseres Handelns nicht präzise vermessen. Dazu kommt: Libets Versuchspersonen waren auf schnelle Reaktion getrimmt. D.h., ihr Verhalten war trainiert und weitgehend unbewusst. Jede Tennisspielerin, jeder Autofahrer pariert bzw. tritt auf die Bremse, bevor sie oder er bewusst wahrnimmt, ob, wann und woher der Ball kommt. Unsere bewussten Entscheidungen, die auf einem Reflexionsprozess beruhen, sind etwas ganz anderes – auch wenn wir uns dabei längst nicht über alle Motive und Impulse im Klaren sind.

Die naturwissenschaftliche Forschung beruht auf einer naturalistischen Hintergrundmetaphysik, d.h. auf der konsequenten Suche nach natürlichen Ursachen. Welche zusätzlichen Strategien werden für die Erklärung geistiger Phänomeme gebraucht?
Sicher die phänomenologische Forschung, wie sie z.B. ein Anliegen von Thomas Fuchs ist, sowie die funktionale Erklärung unserer Bewusstseinsleistungen – was immer dies dann genau heißen mag. Darüber hinaus sollten sich die Hirnforscher meines Erachtens stärker damit befassen, was die Erklärungen der kognitiven Neurowissenschaft eigentlich leisten und was nicht. Wer sagt, dass geistige Phänomene, etwa bewusste Wahrnehmung oder Erinnerung, durch neuronale Prozesse verursacht sind, kann dafür keinen kausalen Mechanismus mit bekannten Komponenten anführen, sondern nur auf psychophysische Korrelationen verweisen. Beim Schluss vom Geist auf das Gehirn versagen die sonst in den Naturwissenschaften üblichen Schlüsse vom Ganzen auf seine Teile und von Wirkungen auf ihre isolierbaren Ursachen; es bleibt nur ein vieldeutiger Informationsbegriff, der als Brücke für Analogieschlüsse dient.

In welcher Hinsicht werden die Resultate der Hirnforschung nach Ihrem Eindruck heute am meisten überschätzt?

Im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit und den Alleserklärungsanspruch eines längst überholten monokausalen, krude mechanistischen Denkens. Das ist ähnlich wie bei der Kartierung des menschlichen Genoms: Es wurden riesige Hoffnungen darauf gesetzt, und vieles hat die Biologie dadurch sicher gelernt; aber das menschliche Verhalten ist längst nicht nur durch „die Gene“ determiniert, was heute ja auch von der Epigenetik untermauert wird. Ähnlich dürfte es mit der Behauptung stehen, unser Verhalten sei durch das neuronale Geschehen in unserem Gehirn determiniert. Man sollte einen Erklärungsfaktor nicht mit einer vollständigen Erklärung verwechseln.

Welche Reaktionen haben Ihre Thesen bisher bei den Hirnforschern hervorgerufen?

Mehr oder weniger faire Rezensionen meines Buchs, Vortragseinladungen, spannende Diskussionen nach den Vorträgen, etliche lehrreiche Briefe und E-Mails.

Fragen: Helmut Fink


Symposium turmdersinne 2013 
Bewusstsein - Selbst - Ich
Die Hirnforschung und das Subjektive

4.-6. Oktober 2013, Stadthalle Fürth

Programm  --- Anmeldung

Mittwoch, 15. Mai 2013

Die besten Illusionen des Jahres

Was für Hollywood die Oscar Night, ist für kreative Wahrnehmungsforscher der Best Illusion of the Year Contest. Seit 2005 vergibt die Neural Correlate Society alljährlich in Naples (Florida) Preise für die verblüffendsten neuen (nicht nur) visuellen Täuschungen. Klar, dass es bei dem einzigartigen Wettbewerb neben der Ästhetik auch auf die geschicke Anwendung von Forschungsergebnisen ankommt. Am vergangenen Montag war es wieder so weit.

Zehn Finalisten hatten es bis in die Endrunde geschafft. Darunter auch das Video "Three-fold Cubes", das einen altbekannten Effekt schön in Szene setzt: Je nach Bildkontext intepretiert das Gehirn eine mehrdeutige Figur ganz unterschiedlich. Der kleine Würfel im Video von Guy Wallis und David Lloyd scheint mal an den großen angehängt, mal haben wir es mit einer ausgesägten Würfelecke zu tun - und in anderen Fällen ist überhaupt kein echter Würfel mehr zu sehen.    

© 2013 Guy Wallis and David Lloyd, mit freundlicher Genehmigung der Neural Correlate Society

Zum Sieger kürte das Publikum eine Arbeit der Japaner Jun Ono, Akiyasu Tomoeda und Kokichi Sugihara (Meiji-Universität und CREST):



© 2013 Jun Ono, Akiyasu Tomoeda and Kokichi Sugihar. Mit freundlicher Genehmigung der Neural Correlate Society

Grundlage des Phänomens ist der allseits bekannte Moiré-Effekt. Der Clip zeigt erstmals eine scheinbare Rotationsbewegung durch bloße Verschiebung. Immer, wenn das Gittermuster über die quadratischen Figuren gleitet, scheinen sich diese um die eigene Achse zu drehen.

Mehr brandneue Illusionen mit Staun-Faktor stellt Professor Michael Bach von der Universitäts-Augenklinik Freiburg am kommenden Dienstag im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Von Sinnen" vor.

Prof. Dr. Michael Bach: Phänomene des Sehens
Dienstag, 21. Mai 2013, 19.30 Uhr
Nicolaus-Copernicus-Planetarium Nürnberg
Eintritt: 7,- Euro (erm.: 5,- Euro)
Buchung über BZ (Kurs-Nr. 00925)

Inge Hüsgen



Mittwoch, 8. Mai 2013

Volles Programm zum Internationalen Museumstag 2013!


Anlässlich des Internationalen Museumstags am kommenden Sonntag, 12. Mai, legt der turmdersinne ein umfangreiches Programm auf:

Von 10 bis 12 Uhr gibt es für Kinder von 6 bis 10 Jahren einen Forscherrundgang, im Anschluss von 12 bis 14 Uhr eine Erlebnisführung für junge Leute ab 10 Jahren. Ab 14 Uhr laden wir zur Sonderführung durch die Jubiläumssonderausstellung „Science meets Art“ ein (ab 12 Jahren). Zum Abschluss gibt es von 16 bis 18 Uhr eine Gedächtnisführung für Menschen ab 12 Jahren.


Eine Besonderheit an diesem Tag ist die Eintrittsaktion "PWYW". PWYW stammt aus dem anglo-amerikanischen Raum, steht für „pay what you want" und kann sinngemäß mit "zahle, soviel es dir wert ist” übersetzt werden. Jeder bestimmt also nach seinem Besuch im Hands-on-Museum den gefühlten Eintrittspreis selbst.

Aufgrund der beschränkten Teilnehmerzahlen bitten wir um Voranmeldung für die Sonderführungen unter info@turmdersinne.de oder telefonisch unter 0911 / 9443281.

Dienstag, 7. Mai 2013

Von Sinnen: Mein motorischer Zombie



Wenn der Neurowissenschaftler Vilyanur Ramachandran Recht hat, dann hausen in jedem von uns Zombies. Zum Glück nicht blutrünstig, wie etwa in dem Horrorklassiker "Die Nacht der lebenden Toten". Aber, genau wie die Zombies im Film, ohne Bewusstsein.

Mein motorischer Zombie und ich“ ist auch der Titel des Vortrags von Prof. Volker Franz, der heute im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Von Sinnen" im Nürnberger Nicolaus-Copernicus-Planetarium stattfindet.  Darin nimmt der Psychologe die Besucher auf eine spannende Reise in die Welt der Wahrnehmung. Und zeigt, dass (Selbst-)Täuschung viele Gesichter hat.

Man nennt sie „Die blinde Frau, die sehen kann“: eine Patientin, die aufgrund ihres Hirnschadens die Fähigkeit verloren hat, die Größe von Objekten einzuschätzen. Lässt man sie jedoch nach einem Gegenstand greifen, waren ihre Bewegungen genau auf das Format des Gegenstands abgestimmt. Ihr motorisches System scheint also Informationen über die Welt zu besitzen die der bewussten Wahrnehmung verschlossen bleiben.

Wie kann das sein? Gibt es zwei getrennte neuronale Verarbeitungspfade im Gehirn – einen zur Aufarbeitung der visuellen Information der Augen für die bewusste Wahrnehmung, und einen anderen, der ohne Verknüpfung mit dem Bewusstsein die Motorik steuert – eben den „motorischen Zombie“? Genau dies haben die Neurowissenschaftler Milner und Goodale bereits 1992 vermutet.

Es gibt Studien, die dafür sprechen. Darin zeigte man gesunden Menschen einen dreidimensionalen Nachbau einer bekannten visuellen Illusion: der Ebbinghaus-Täuschung, bei der Betrachter die Größe eines Kreises je nach Umgebung falsch einschätzen. Und tatsächlich griffen die Probanden zielsicher nach dem Kreis in seiner wirklichen Größe. Der motorische Zombie ließ sich also nicht täuschen.

Der Beweis? Volker Franz ist skeptisch. Aus gutem Grund: in seinen eigenen Versuchen zeigte sich, dass das Ergebnis von vielen Faktoren abhängig ist. Je nach den Versuchsbedingungen trat der Effekt auf oder blieb aus. Aus Sicht von Franz ist die Theorie von den beiden getrennten Verarbeitungspfaden damit gehörig ins Wanken geraten.

Von einem Konsens ist die wissenschaftliche Gemeinschaft indes noch weit entfernt. Kein Wunder, sagt Volker Franz: „Vieles wissen wir eben noch nicht.“ Eins steht - nicht nur für ihn - außer Zweifel: „Wir können uns täuschen, auch in der Wissenschaft. Gerade Details, die unbedeutend scheinen, werden leicht übersehen.“

Dienstag, 7. Mai 2013
19.30 Uhr
Prof. Dr. Volker Franz: Mein motorischer Zombie und ich. 
Neuronale Pfade der Wahrnehmung.
Nicolaus-Copernicus-Planetarium, Am Plärrer 41, Nürnberg
Eintritt 7,- € (erm.: 5,- €)
 
Inge Hüsgen 

Freitag, 19. April 2013

Preisverleihung P-Seminar-Preis 2013

Am 15. April 2013 verlieh Kultusstaatssekretär Bernd Sibler (ganz rechts im Bild) dem Schüler-Team des Christoph-Jacob-Treu-Gymnasiums um Lehrer Rudolf Pausenberger eine von bayernweit vier Auszeichnungen für besonders gelungene P-Seminar-Arbeiten. Prämiert wurde die Seminararbeit "Renaissance trifft Physik", eine interaktive Wanderausstellung zur Wissenschaftsgeschichte in Nürnberg, über die in diesem Blog bereits hier ausführlich berichtet wurde.  Mit ausgezeichnet wurden das Fablab Nürnberg und der turmdersinne als Projektpartner.

Von links: Laudator Carl-August Graf von Kospoth (geschäftsführender Vorstand Eberhard von Kuenheim Stiftung der BMW AG), fünf Schüler des Christoph-Jacob-Treu-Gymnasiums Lauf: Dominik Ehrenfels, Niklas Hofmann, Christian Arnet, Moritz Herrmann und Felix Amler, zusammen mit ihrem Lehrer Rudolf Pausenberger, daneben die Projektpartner Dr. Rainer Rosenzweig für den turmdersinne und Michael Niqué für das Fablab Nürnberg und ganz rechts Gastgeber und Kulturstaatssekretär Bernd Sibler. (Foto: http://minkoff.nbbsworld.de/)
 
Weitere Informationen:
  • Website des P-Seminars: www.physik.de.rs
  • Artikel auf Seite des Kultusministerimums: Link
  • Artikel in der Pegnitz-Zeitung: Link

Montag, 8. April 2013

Lesetipp: Wie Farben uns beeinflussen

 

Egal, ob in der geblümten Sitzgruppe oder im im schwarzen Designersessel angeschaut: Loriots "Ödipussi" macht auch nach mehr als 25 Jahren noch gute Laune.

In Sachen Unterhaltungswert können die Anthroposophen da kaum mithalten, trotz abgedrehter Farbkonzepte. So sollen in Waldorfschulen  die Klassenräume je nach "Entwicklungsstufe" der Schüler in verschiedenen Farben gestaltet werden. Die Zuordnung von Farbe und Alter ist dabei ebenso willkürlich wie das gesamte, pädagogisch längst überholte Konzept des Waldorfschulen-Gründers Rudolf Steiner.

Doch die Welt ist viel zu spannend, um es beim bloßen Glauben an Autoritäten zu belassen. Welchen Einfluss Farben wirklich auf unser Gemütsleben haben und wo die Macht der Farben endet, erklärt nun ein fundierter in Beitrag im aktuellen ZEIT-Magazin (15/2013).

Redakteur Tillmann Prüfer hat sich dafür unter anderem mit Dr. Heiko Hecht unterhalten, einem Wahrnehmungspsychologen von der Universität Mainz. Dessen Statement ist eindeutig: "Das meiste, was Farben an Wirkung zugeschrieben wird, ist Hokuspokus". 
 
Dass wir den Farben dennoch verschiedene Gefühlszustände zuordnen, hat vorwiegend semantische Gründe. Prüfer erklärt es an einem Beispiel:
Weil man Orange mit Glück verbindet, bedeutet das nicht, dass man in orangefarbener Kleidung glücklich ist. Sonst würden die zufriedensten Menschen bei der Stadtreinigung arbeiten, 
Je nach Kultur verbinden eine bestimmte Farben mit ganz unterschiedlichen Stimmungen. In Europa gilt Schwarz als Trauerfarbe,  während in asiatischen Kulturen dieselbe Rolle von Weiß besetzt wird. "Farbe hat die Wirkung, die wir ihr zusprechen", resümiert Tillman Prüfer.

Dieser Mechanismus erklärt wohl auch teilweise, warum für die Bekämpfung von sozialen Problemen wie Aggression ein Farbtopf allein nicht genügt - auch nicht das berühmte „Baker-Miller-Pink“. Dabei hatte man große Hoffnungen in den Bonbonrosa-Ton gesetzt: Weil er in Versuchen auf die Betrachter beruhigend wirkte, wird er in Haftanstalten für Gefängniszellen verwendet, in denen man vorübergehend aggressive Häftlinge unterbringt. Schon eine Viertelstunde in der rosa Zelle soll friedfertig machen.
   
Während einige Einrichtungen Erfolge melden, ist die JVA Dortmund nach einer Testphase wieder davon abgekommen.Die Mitarbeiter waren von Anfang an dagegen, schreibt SpiegelOnline. Demnach hätten sie
sich "vehement" gegen den Anstrich ausgesprochen, "da dieser Farbton mit erheblichen Vorurteilen belastet sei",
habe der NRW-Landtagsabgeordnete Peter Biesenbach (CDU) berichtet. Und weiter:
Es sei doch davon auszugehen, dass die Unterbringung in einer pinkfarbenen Zelle "gerade in dem vielfach von körperlicher Stärke und aggressiver Männlichkeit dominierten Haftalltag als Demütigung empfunden und im Ergebnis zusätzliche Spannungen auslösen wird".
Langfristige Effekte sind auch aus Sicht der Wahrnehmungsforschung mehr als unwahrscheinlich. Denn wenn man sich lange Zeit in einem farbig gestrichenen Raum aufhält, nimmt das Gehirn die Farbe nicht mehr als Besonderheit wahr.

In weiteren Beiträgen der Ausgabe geht es um Farbe in Kunst und Design. Tipp: Lesen! Am besten in einem gemütlichen Sessel Ihrer Lieblingsfarbe.

Inge Hüsgen

Mittwoch, 3. April 2013

Von Sinnen: Wissen und Erinnern


Welche ist Ihre früheste Erinnerung? Bei den meisten Menschen setzt das biografische Gedächtnis etwa ab dem dritten Lebensjahr ein. Aber warum eigentlich nicht früher? Über diese Frage konnten die Forscher  lange Zeit nur mutmaßen. Ist das Gedächtnis in diesem Alter noch nicht nicht reif genug, um dauerhafte Inhalte zu produzieren? Werden die frühen Gedächtnisinhalte von späteren verdrängt beziehungsweise überlagert? Oder stecken vollkommen andere Mechanismen dahinter?

Heute machen es neue Untersuchungsmethoden möglich, bereits in der zehnten Lebenswoche Gedächtnisleistungen zu untersuchen. Die Aufgaben und Messtechniken erlauben es, die Arbeitsweise des Gedähtnisses bei Babys unmittelbar zu verfolgen. Mit überraschenden Ergebnissen, so Professorin Monika Knopf, Leiterin der Abteilung für Entwicklungspsychologie am Institut für Psychologie der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main:
Diese nicht-sprachlichen Lern- und Gedächtnisaufgaben zeigen, dass das Gedächtnis von Babys und Kleinkindern in bestimmten Bereichen erstaunliche Ähnlichkeiten mit dem Gedächtnis Erwachsener hat, in anderen Bereichen jedoch erst sukzessive seine Arbeit aufzunehmen scheint. Daraus leitet sich eine moderne Erklärung für die Erinnerungsschwierigkeit Erwachsener an ihre frühen Erlebnisse ab.

Am kommenden Dienstag, 9. April 2013, berichtet Monika Knopf im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Von Sinnen" über die aktuellen Forschungen auf diesem Gebiet.

Dienstag, 09.04.2013:
Prof. Dr. Monika Knopf: Wissen und Erinnern. Über die Anfänge des menschlichen Gedächtnisses.
(Zusammenfassung des Vortrags: hier.) 
Planetarium Nürnberg, Am Plärrer 41, 19.30 Uhr
Eintritt: 7 ,- Euro (erm. 5,- Euro) 
Buchung über BZ (Kurs-Nr. 00922)

Ab 18.30 Uhr ist das Sternencafé im Foyer des Planetariums für Sie geöffnet.

Übrigens: Ab 18:45 Uhr lädt das Weingut Probst zu einer kostenfreien Weinverkostung ein

Inge Hüsgen 

Mittwoch, 27. März 2013

Rekordbesuch beim "Von Sinnen"-Start


Foto: Karin Becker
 
Mit über 180 teilnehmenden Gästen konnte der turmdersinne zum Start der Vortragsreihe "Von Sinnen" am Dienstag, 26. März 2013 einen Rekordbesuch verzeichnen. Die Konkurrenz im etwa 7 km entfernten Nürnberger Fußballstadion, wo am gleichen Abend die deutsche Nationalmannschaft auf die Elf aus Kasachstan traf, führte also keineswegs zu leeren Rängen im Nicolaus-Copernicus-Planetarium.


Referent Prof. Dr. Eckart Voland (Foto: Karin Becker)
Referent Eckart Voland, Professor für Biophilosophie an der Uni Gießen, derzeit als Fellow am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald,  gelang es, in seinen anspruchsvollen, aber sehr anschaulich, leicht  nachvollziehbar und allgemeinverständlich vorgetragenen Gedankengängen eine Brücke zwischen Darwinismus und Konstruktivismus zu schlagen. Die ebenso angeregte wie anregende Debatte im Anschluss an seinen Vortrag zeigte, dass er den Nerv der Besucherinnen und Besucher getroffen hatte. Im abschließenden Fragebogen wurde sein Vortrag dann auch folgerichtig auf einer (an Schulnoten angelehnten) Skala von 1 bis 6 mit der ausgezeichneten "Durchschnittsnote" 1,4 bewertet. 
Foto: Karin Becker
Die lebhaften Gespräche des Publikums wurden anschließend im Foyer des Planetariums fortgesetzt, unterstützt durch eine Weinverkostung durch den Partner der Reihe, das mittelfränkische Weingut Probst, das auch bei allen weiteren Vorträgen der Reihen "Von Sinnen" und "Außer Sinnen" mit kostenfreien Weinproben dabei sein wird.

Nach dem gelungenen Auftakt darf man gespannt sein auf die nächsten Vorträge der Reihe "Von Sinnen", die nun im zweiwöchigen Rhythmus immer um 19.30 Uhr im Planetarium Nürnberg stattfindet.

Der nächste Vortrag am Dienstag, 9. April, handelt von der Entwicklung des menschlichen Gedächtnisses in der Lebensgeschichte des Menschen, und auch hierfür wurde eine ausgewiesene Expertin gewonnen: Professorin Monika Knopf leitet die Abteilung für Entwicklungspsychologie an der Universität Frankfurt a.M.
 
Zwei Wochen später, am Dienstag, 23. April, spricht die psychiatrische Ärztin Dr. Christina Stößel vom Klinikum der FAU Erlangen über aktuelle Ergebnisse der von ihr mit durchgeführten "Romantic-Love-Studie", also über die Spuren der Liebe im Gehirn.

Am Dienstag, 7. Mai, gibt der Neuropsychologe Professor Volker Franz Einblick in seine neustens Forschungen über die Pfade, die Sinnesdaten auf ihrem Weg ins Gehirn passieren, was dabei in uns passiert und spricht dabei provokativ von dem "motorischen Zombie" in uns.

Den Abschluss der Reihe am 21. Mai bildet - inzwischen schon traditionell - ein lebendiger Bericht vom diesjährigen internationalen Wettbewerb "Best Illusion of the Year", der genau acht Tage vor diesem Vortrag, also am 13. Mai in Florida stattfindet. Vorgestellt werden die brandneuen Illusionen und Wahrnehmungstäuschungen von dem engagierten und in Nürnberg inzwischen bekannten und beliebten Wahrnehmungsforscher Professor Michael Bach aus Freiburg.

Nahtlos fortgesetzt wird "Von Sinnen" dann durch die ebenfalls fünfteilige Reihe "Außer Sinnen", ebenfalls zweiwöchentlich vom 4. Juni bis zum 30. Juli 2013.

Ausführliche Informationen zu den einzelnen Vorträgen und Referentinnen und Referenten sowie Links zur Online-Anmeldung finden Sie hier.

Rainer Rosenzweig