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Freitag, 2. März 2012

Spuk im Hirn

Interview mit der Wissenschaftsjournalistin Rita Carter.


Keine zwei Wochen sind es noch, bis zur diesjährigen Ausgabe von „Science meets Comedy“. Am Freitag, 16. März 2012, wird als Highlight der Nürnberger brainWEEK die britische Wissenschaftsjournalistin Rita Carter (in englischer Sprache, kreativ "übersetzt" von Thomas Fraps) erklären, wie Halluzinationen und Aberglaube, aber auch unsere alltäglichen Wahrnehmungen zustande kommen. Im Vorfeld  hat sich Inge Hüsgen mit Rita Carter unterhalten.


Inge Hüsgen: Als Wissenschaftsjournalistin beschäftigen Sie sich mit der Vermittlung von Fragen der Neurowissenschaften. Warum ist es nach Ihrer Ansicht wichtig, diese Themen allgemeinverständlich für die Öffentlichkeit aufzuarbeiten?

Rita Carter: Unser gesamtes Verhalten – alles, was wir sagen, denken und glauben – ist Produkt unseres Gehirns. Ich bin überzeugt, wenn wir die Arbeitsweise des Gehirns verstehen, werden wir uns selbst besser verstehen und uns vielleicht besser miteinander umgehen. Soweit der praktische Aspekt.

Hinzu kommt, dass ich Hirnforschung für das spannendste aller Forschungsgebiete halte und die aktuellen Entdeckungen mit anderen Menschen teilen möchte. Die raschen Fortschritte der Hirnforschung machen es uns fast unmöglich, Schritt zu halten. Jeder Tag bringt neue, überraschende Entdeckungen und ich möchte, dass andere erfahren, welche aufregenden Dinge da geschehen.

Wir wissen beispielsweise inzwischen ziemlich genau, wie das Gehirn Emotionen und sogar differenzierte Gefühlsregungen wie Altruismus und romantische Liebe erzeugt. Ein bestimmter Typ von Hirnzellen, die Spiegelneuronen, werden nicht nur bei eigenen Emotionen aktiv, sondern auch dann, wenn wir diese Emotionen bei anderen Personen beobachten. Erleben wir, wie eine andere Person verletzt wird, feuern dieselben Spiegelneuronen, die auch bei unserer eigenen Verletzung ein Gefühl von Leid und Schmerz erzeugen würden, sodass wir diese Gefühle in abgeschwächter Form verspüren. Das heißt: indem wir die Emotionen anderer Menschen erkennen, fühlen wir automatisch mit ihnen. Wir verfügen also über eine Art „eingebaute“ Empathie.

Große Fortschritte hat auch die Erforschung des Gedächtnisses gemacht. Wir wissen heute, in welcher Form Erinnerungen gespeichert werden und wie unzuverlässig (gleichwohl hervorragend) das menschliche Erinnerungsvermögen ist. Durch Hirnscans kann man sogar ermitteln, ob eine Person gerade über ein tatsächliches Ereignis spricht, ob sie Dinge erfindet oder ob sie in dieser Frage unsicher ist.

All diese Erkenntnisse bringen weitreichende Konsequenzen für das Alltagsleben mit sich. Stellen Sie sich vor, man bräuchte Zeugen vor Gericht nur einen Helm aufzusetzen und könnte durch Gedankenlesen herausfinden, ob sie die Wahrheit sagen. Das ist keine Science Fiction mehr – ich bin überzeugt, so etwas wird in Zukunft möglich sein. Unser Problem ist der verantwortungsvolle Umgang mit dieser Möglichkeit.



In der Vorankündigung zu Ihrem Nürnberger Auftritt schildern Sie, wie das Gehirn aus den Informationen der Sinnesorgane bedeutungsvolle Wahrnehmungen konstruiert. Können Sie uns dazu einige Beispiele geben, die Ihnen im Laufe Ihrer Recherche begegnet sind?

Am eindrucksvollsten sind wohl die Wahrnehmungen, wie wir sie wir jeden Tag, zu jeder Sekunde konstruieren. Das Gehirn konstruiert unsere Umgebung so erfolgreich, dass wir überzeugt sind, in einer Welt aus Formen, Objekten, Farben, Geräuschen usw. zu leben, während in Wahrheit da draußen lediglich aus Moleküle, Wellen und Photonen sind. Meist geschieht dies so rasch und mühelos, dass wir gar nicht darüber nachdenken. Nur bei einer Störung der Hirnfunktion, etwa durch Drogen oder eine Psychose, bemerken wir, was geschieht.

Drogen wie LSD und psychoaktive Pilze rufen außergewöhnliche Erfahrungen hervor, etwa das Gefühl, dass die Zeit stillsteht oder dass die Betroffenen mit anderen Objekten verschmelzen. Diese Wahrnehmungen erscheinen so real, wie es die alltägliche Zeitwahrnehmung und die Erfahrung von separaten Gegenständen die meiste Zeit über für uns sind. Man spricht von Täuschungen und Wahnvorstellungen, in Wahrheit handelt es sich jedoch nur um eine andere Art, die Außenwelt zu konstruieren – so valide wie jede andere auch.

Wohl die meisten von uns haben schon einmal Dinge gesehen, die gar nicht da sind. Wenn wir in einer Menschenmenge unseren Partner vermuten, werden wir mit gewisser Wahrscheinlichkeit ein fremdes Gesicht für seines halten. Wir „projizieren“ unsere Überzeugungen und Hoffnungen auf die Welt und sehen, was wir wünschen oder erwarten.


Weiter erwähnen Sie, dass fehlerhafte Wahrnehmung der Ursprung von vielen abergläubischen Ideen und Vorurteilen ist. Wie schätzen Sie die Gefahren ein und wie können wirksame Gegenstrategien aussehen?

Nehmen wir an, Sie halten Ihr Gegenüber für aggressiv – vielleicht, weil er anders aussieht als Sie oder andere kulturspezifische Gewohnheiten hat. Dann werden Sie unwillkürlich bei ihm Aggression „wahrnehmen“. Mit hoher Wahrscheinlichkeit reagieren Sie abwehrend und rufen auf diese Weise in Ihrem Gegenüber aggressives Verhalten hervor – also eine selbsterfüllende Erwartung. Misstrauen und Aggression haben ihre Wurzeln größtenteils in solchen Mechanismen.

Im Lauf der Evolution hat unser Gehirn derartige Vorurteilsbildungen entwickelt, da sie einen Überlebensvorteil darstellten. Man kann sich leicht vorstellen, dass es in ferner Vergangenheit sicherer war, Fremden zu misstrauen und ihrem Angriff zuvorzukommen. In der modernen Gesellschaft bringen solche Mechanismen jedoch Probleme mit sich. Es liegt an uns, sie zu erkennen und ganz bewusst zu überwinden.



Zurzeit arbeiten Sie an einem neuen Buch über Hirnfunktion, Gene und Verhalten. Können Sie bereits mehr verraten?

Es häufen sich die Belege, dass genetische Faktoren immensen Einfluss auf das Verhalten jedes Individuums haben – sehr viel mehr, als man im 20. Jahrhundert annahm. Die Forschung über den genetischen Einfluss auf die Persönlichkeit macht ungeheure Fortschritte und einige dieser Forschungen stelle ich in meinem neuen Buch vor. Ich behaupte nicht, die Umgebung sei unwichtig – natürlich nicht. Doch das Zusammenwirken von Umwelt und Physiologie erweist sich als weitaus komplexer als vermutet. Mein Ziel ist zu zeigen, dass das, was wir sind, auf physische Faktoren zurückgeführt werden kann, und wie diese wiederum durch die Umgebung beeinflusst werden können.


Vielen Dank für das ausführliche Gespräch!



Science meets Comedy: Spuk im Hirn
Mit Rita Carter und Thomas Fraps
Freitag, 16. März 2012, 19.30 Uhr,
Nicolaus-Copernicus-Planetarium Nürnberg
Eintritt: € 12,- (erm.: 9.- für Schüler, Studierende sowie für turmdersinne-Förderkreis-Mitglieder und Mitarbeiter von Partnerunternehmen des turmdersinne).
Buchung online über das Bildungszentrum Nürnberg: Kurs-Nr. 00901.







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