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Montag, 26. März 2012

"Alle Sinne beisammen?"


„Alle Sinne beisammen?“ Mit dieser provokanten Frage eröffnet der Physiker und Philosoph Prof. Dr. Dr. Gerhard Vollmer am Dienstag, 27.03.2012, im Nürnberger Nicolaus-Copernicus-Planetarium die Vortragsreihe „Von Sinnen“. Im Vorfeld sprach Inge Hüsgen mit ihm über Wahrnehmung und erstaunliche Sinnesleistungen.


Herr Professor Vollmer, im Alltag spricht man von den „fünf Sinnen des Menschen“. In der Ankündigung Ihres Vortrags ist von bis zu 20 Sinnen die Rede. Welche sind dies?

Unter anderem zählt man die Sinne für Schmerz, Kälte, Wärme und den Gleichgewichtssinn dazu, ferner die propriozeptorischen Sinne, die uns die aktuelle Position unseres Körpers im Raum mitteilen oder über Hunger, Durst und Sauerstoffmangel informieren. Sie alle haben sich im Laufe der Evolution als vorteilhaft fürs Überleben erwiesen. Sie decken jedoch nicht die Gesamtheit der Welt ab. Beispielsweise fehlt uns die Fähigkeit zur Wahrnehmung von elektrischen und magnetischen Feldern, insbesondere des Erdmagnetfeldes.

Die Evolutionäre Erkenntnistheorie erklärt nicht nur die Sinneswahrnehmung, sondern unsere gesamte Erkenntnisfähigkeit als Ergebnis der Evolution.

Ja, sie geht aus von der Frage: „Wieso können wir die Welt erkennen?“ Ist es reiner Zufall? Hat uns ein Schöpfer mit diesen Fähigkeiten ausgestattet? Für die Evolutionäre Erkenntnistheorie ist dies ein Ergebnis der Evolution. Bei Zentralnervensystem, Gehirn und Sinnesorganen handelt es sich um Organe, mit deren Hilfe wir das erkennen und lernen, was für unser Überleben wichtig ist. Dennoch garantiert uns dies kein sicheres Wissen. Die Evolutionäre Erkenntnistheorie geht davon aus, dass unser Erkennen fehlbar ist.

Wie kommt es zu Wahrnehmungstäuschungen, wie sie die Besucher des Hands-on-Museums turmdersinne erleben können?

Wir täuschen uns ständig, aber es fällt uns nicht auf. Im Blickfeld jeden Auges gibt es einen „blinden Fleck“, wo wir nichts sehen. Doch das Gehirn füllt diese Lücke, sodass sie uns nicht bewusst wird. Auch ist unsere Wahrnehmung darauf angelegt, die Welt der mittleren Dimensionen zu erkennen. Was über diesen Mesokosmos hinausgeht, ist für uns unanschaulich. Deshalb tun wir uns so schwer mit Quanten- und Relativitätstheorie, aber auch mit Statistik.

Zu Wahrnehmungstäuschungen kommt es dann, wenn der Rahmen des Mesokosmos überschritten wird – und das geschieht leicht, auch ohne dass es uns immer auffällt. Deshalb ist das Museum turmdersinne Gold wert, weil die Besucher dort die vielfältigen Möglichkeiten der (Selbst-)täuschung am eigenen Leibe erleben können.

Häufig ist von einem kulturellen Einfluss auf die Wahrnehmung die Rede. Wie ist das zu verstehen?

Erwartungen und Vorannahmen wirken wie ein Wahrnehmungsfilter. Dies zeigt ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte: Chinesische Chroniken berichten, dass im Jahr 1054 plötzlich ein heller Stern am Himmel erschien, ein „Gaststern“, wie es in den Texten heißt. Heute wissen wir, dass es sich um eine Supernova handelte, eine Sternexplosion, deren Überbleibsel den modernen Astronomen als Krebsnebel bekannt ist. Auch im Abendland war die Supernova sichtbar, doch es gibt keine Berichte über einen neuen Stern. Anders als in China ging man in Europa von einem ewig unveränderlichen Sternenhimmel nach göttlicher Ordnung aus, in dem „neue Sterne“ keinen Platz haben. Stattdessen deutete man das Licht am Himmel als unbedeutende atmosphärische Erscheinung

Auch die Sprache spielt eine wichtige Rolle für die Wahrnehmung: Dinge, für die wir unterschiedliche Wörter haben, nehmen wir auch leichter als unterschiedlich wahr. Außerdem lässt sich Wahrnehmung durch Training verbessern.

Wie sollte ein solches Training beschaffen sein?

Es sollte die Ebenen Wahrnehmung, Erfahrung und Wissenschaft umfassen. Lehrer und Dozenten sollten im Unterricht viel stärker auf Täuschungsgefahren hinweisen, und überraschende Experimente in den Lehrstoff einflechten. Und wir sollten uns bewusst sein, dass wir irrtumsanfällig sind und dass auch unser Lehrstoff Fehler enthalten kann. Theorien sind nicht beweisbar; sie könnten falsch sein. Wir sollten Fehler systematisch suchen, um sie möglichst bald beseitigen zu können. Wie mein Kollege Odo Marquard gern sagt: „Wir irren uns empor.“


Dienstag, 27. März 2012, 19.30 Uhr
Prof. Gerhard Vollmer: Alle Sinne beisammen? Warum unsere Wahrnehmung Erstaunliches leistet.
Nicolaus-Copernicus-Planetarium Nürnberg
Eintritt 7 Euro, erm. 5 Euro
Buchung über BZ Nürnberg

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