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Samstag, 11. Februar 2012

Mit den Augen eines Fans

Wer einen richtigen Fußballfan in der Familie oder in der WG hat, kennt das Lied: Die eigene Mannschaft war bei jedem Spiel die bessere. Und wenn sie trotzdem verloren hat? Dann muss es an unfairen Bedingungen, an Fehlentscheidungen oder sogar einer Verschwörung der Schiedsrichter liegen. Dass die Jungs vielleicht einen schlechten Tag hatten oder das gegnerische Team einfach fitter war - undenkbar!

Wer kein Mannschaftswappen auf dem Auto hat und ohne Fan-Schal durch den Winter kommt, runzelt bei solchen Sprüchen verständlicherweise die Stirn. Dennoch spricht vieles dafür, dass die Fans davon ehrlich überzeugt sind. Identifiziert man sich mit einer Gruppe, nimmt man deren Aktionen anders wahr, als es ein emotional unbeteiligter Zuschauer tut.

Der Nachweis solch einer unbewussten Voreingenommenheit ist nun dem Forscherteam um den Psychologen Pascal Molenberghs gelungen. Die Wissenschaftler von der University of Queensland im australischen Brisbane teilten 24 Versuchspersonen willkürlich in Fans eines „blauen“ und eines „roten“ Teams ein und führten ihnen anschließend einen Wettkampf zwischen beiden Mannschaften vor. Die Teilnehmer, die sich sehr rasch mit „ihrem“ Team identifizierten, schätzten dessen Bewegungen im Vergleich zum Gegner als schneller ein – wohlgemerkt: auch dann, wenn beide exakt die gleiche Zeit brauchten.

Bewusste Entscheidung oder Wahrnehmungstäuschung? Um dies herauszufinden, beobachteten die Wissenschaftler die Hirnaktivität der Probanden während des Experiments mit Hirnscans. Dabei zeigte sich, dass die Fans die Situation anders wahrnahmen.

„Wir entscheiden nicht, die Aktionen unserer Mannschaft besser zu beurteilen, weil sie die beste sei.“, resümiert Molenberghs das Ergebnis, „Es ist vielmehr so, dass unser Gehirn aufgrund des Zugehörigkeitsgefühls die Handlungen unserer Teammitglieder wohlwollender beurteilt.“

Der Psychologe vermutet, dass sich die Ergebnisse der Studie auf die Welt außerhalb der Fankurve übertragen lassen. Sie liefere eine mögliche Erklärung, wie die Diskriminierung von Minderheiten in der Gesellschaft, etwa aufgrund von Herkunft oder Geschlecht, funktioniert.

Inge Hüsgen

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