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Donnerstag, 27. Dezember 2012

Uneigennützige Affen


In den letzten Tagen konnten wir uns selbst davon überzeugen: Mit Freunden und Verwandten Delikatessen zu teilen, das schweißt die Gemeinschaft zusammen. Bei  Rhesusaffen haben Wissenschaftler nun entdeckt, welches Hirnareal bei großzügigen, uneigennützigen Gesten aktiv wird. 

Im Versuch bot das Forscherteam um den Neurowissenschaftler Steve Chang (Duke University, Durham, USA) den Tieren Fruchtsaft an. Sie konnten das süße Getränk entweder selbst aus einem Schlauch trinken, es mit einem Artgenossen teilen oder den Schlauch direkt weitergeben, ohne selbst zu trinken. Gleichzeitig zeichneten die Wissenschaftler die Hirnaktivität der Affen auf. Dabei beschränkten sie sich auf den präfrontalen Kortex im Stirnbereich, da diese Hirnregion als Sitz für soziale Entscheidungen gilt. 

Hatten die Affen die Wahl, behielten sie das Getränk in der Regel für sich. Anders sah es aus, wenn die Tiere den Saft entweder teilen konnten oder keiner von ihnen etwas bekam. Dann nämlich stieg ihre Freigiebigkeit deutlich an.

In diesen Fällen registrierten die Forscher Aktivität in einem bestimmten Bereich des präfrontalen Kortex, dem anterioren cingulären Gyrus. Die Entscheidung für egoistisches oder uneigenütziges Verhalten wird jedoch von zwei weiteren benachbarten Hirnarealen mitbeeinflusst, wobei der Nutzen für das Individuum und für die Gruppe eine entscheidende Rolle spielen. 

Eine Entdeckung, die der britische Neurowissenschaftler Matthew Rushworth als einen bedeutenden Forschungserfolg wertet: „Damit verfügen wir erstmals über ein vollständiges Bild der neuronalen Aktivität, die einem Schwerpunkt der sozialen Wahrnehmung zugrundeliegt." Bei Primaten ist der anteriore cinguläre Gyrus spezialisiert auf soziale Entscheidungen. Er liegt in einer Hirnregion, in der Forscher auch das Entstehen von Empathie verorten

Steve Chang und seine Kollegen erhoffen sich von ihrer Entdeckung neue Erkenntnisse über die neuronalen Grundlagen des Sozialverhaltens beim Menschen. Außerdem könnten die neuen Forschungsergebnisse das Verständnis von psychiatrischen Störungen verbessern, die sich durch Beeinträchtigungen des Sozialverhaltens auszeichnen.

Inge Hüsgen 

Zum Weiterlesen:
Chang, S. W. C.; Gariépy, J.-F.; Platt, M. (2012): Neuronal Reference Frames for Social Decisions in Primate Frontal Cortex. Nature Neuroscience.

Sonntag, 23. Dezember 2012

Weihnachtsferien im Hands-on-Museum


Endlich Weihnachtsferien, Zeit für Familie und Freunde, Geschenke und leckere Plätzchen! Wer zwischen all dem Kerzenschein und Lebkuchenduft auch die grauen Zellen auf Trab bringen möchte, ist im Nürnberger Hands-on-Museum turmdersinne genau richtig. Wie in jedem Jahr, hat das Team wieder spannende Aktionen für kleine und große Besucher vorbereitet.

Als "Museumsdetektive" können kleine Spürnasen zwischen 7 und 12 Jahren an allen Ferientagen im Turm versteckte Nachrichten entdecken, das Lösungswort herausfinden und mit etwas Glück sogar einen spannenden Preis gewinnen.

Am Freitag, 28. Dezember, 11 bis 13 Uhr, steht im Rahmen des Ferienprogramms „Winter in Nürnberg“ ein Forscherrundgang für kleine Nachwuchswissenschaftler zwischen 6 und 10 Jahren auf dem Programm.

Und für die Großen - ab 12 Jahren und Erwachsene - gibt es am Donnerstag, 3. Januar 2013, eine Gedächtnisführung im Turm. 

Für den Forscherrundgang und die Gedächtnisführung ist eine Voranmeldung erforerlich. 
Kontakt: Jana Marks, Tel.:0911 / 9443281, E-Mail: info@turmdersinne.de.

In den Weihnachtsferien ist das Museum turmdersinne täglich von 11 bis 17 Uhr geöffnet.
Am 24., 25., 26. und 31. Dezember 2012 bleibt das Museum geschlossen.

Wir wünschen allen Freunden und Besuchern schöne Feiertage und alles Gute für 2013!

Inge Hüsgen 

Montag, 3. Dezember 2012

Kauflust geht durch die Nase


Kennen Sie das auch? Überall in der Stadt duftet es nach frischgebackenen Plätzchen und Glühweinaroma liegt in der Luft. Wer kommt da nicht in Festtagslaune - kein Wunder, wenn der Weihnachtseinkauf großzügiger ausfällt als geplant.

Dass Ladenbesitzer durch gezieltes Duftmarketing ihren Umsatz steigern können, ist seit langem bekannt. Doch welche Aromen lassen die Kasse am heftigsten klingeln? Die Antwort hat ein Forscherteam um den Marketingspezialisten Andreas Herrmann von der Universität St. Gallen im Versuch gefunden: Am stärksten zeigt sich der verkaufsfördernde Effekt bei einfachen Düften mit nur einer Komponente. 
Lag eine simple Orangen-Note in der Luft, so stieg der Umsatz eines Einrichtungshauses deutlich stärker als ganz ohne Beduftung oder bei einem komplizierten Duft. Das einfache Aroma macht gute Laune, ohne abzulenken, glauben die Forscher.  

Weitere spannende Ergebnisse des Duft-Experiments erfahren Sie in der neuen Ausgabe des turmdersinne-Newsletters SinnesOrgan, die im Dezember erscheint. Außerdem: ein Interview mit dem Ausstellungsmacher Axel Hüttinger und viele aktuelle Infos rund um das Hands-on-Museum turmdersinne. Das SinnesOrgan wird exklusiv per Post an Förderer des turmdersinne verschickt. 
 Förderer werden



Donnerstag, 22. November 2012

Lehrerfortbildung im turmdersinne

"Außerschulischer Lernort turmdersinne"
- kostenlose Führung für Lehrer(innen) -
am Mittwoch, 28. November 2012 um 17:00 Uhr.

Der turmdersinne ist ein attraktiver Ort für Schülerinnen und Schüler sowie deren Lehrkräfte, um sich intensiv mit verblüffenden Wahrnehmungsphänomenen auseinanderzusetzen. In geführten Rundgängen werden Schulklassen in Kleingruppen individuell durch Fachpersonal betreut. Jede Schülerin, jeder Schüler kann mit den eigenen Sinneswahrnehmungen experimentieren und außergewöhnliche Erfahrungen sammeln. Zum Abschluss eines geführten Rundgangs kommt die Gruppe zusammen und diskutiert das Erlebte. Durch das kritische Hinterfragen von Wahrnehmungsphänomenen gelingt die Verbindung naturwissenschaftlicher Inhalte mit gesellschaftlich relevanten Fragestellungen. Hier bieten sich Anknüpfungspunkte in so unterschiedlichen Fächern wie Biologie, Physik, Chemie, Kunst und Ethik/Philosophie.

Nutzen Sie den turmdersinne als vergnüglichen Einstieg in die spannende Welt der Wahrnehmung, vertiefen Sie dabei aktuelle Unterrichtsthemen und machen Sie den Besuch in dem interaktiven "Hands-on"-Museum zum thematischen Höhepunkt Ihres Unterrichts.

ANMELDUNG UNBEDINGT ERFORDERLICH (Anmeldeschluss ist Di, 27.11.2012):

Falls Sie sich als Lehrerin/Lehrer für die kostenlose Sonderführung am 28.11.2012 verbindlich anmelden möchten, senden Sie entweder eine kurze Mail an: info@turmdersinne.de. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt.

Montag, 29. Oktober 2012

"Trip" auf Knopfdruck

Ganz schön strange, was Patient Ron Blackwell dem Neurologen Josef Parvizi in diesem Video fasziniert mitteilt: „Sie haben sich gerade in jemand anderen verwandelt – Ihr Gesicht hat sich verändert.“ Und: „Ihre Nase wurde schlaff und wanderte nach links. Sie sahen aus wie jemand, den ich schon einmal gesehen habe, aber jemand anderes… das war vielleicht ein Trip!“

Ein „Trip“, ausgelöst nicht durch Pillen, sondern durch die elektrische Stimulierung eines bestimmten Hirnareals. Unmittelbar nach der – für ihn übrigens völlig schmerzlosen -  Prozedur kehrte bei Blackwell die normale Wahrnehmung zurück. 

Eine Zufallsentdeckung. Der 47-Jährige leidet an Epilepsie. Um den Ursprung der Krampfanfälle zu ermitteln, haben die Neurologen in Stanford die Oberfläche seines Gehirns weiträumig mit Elektroden bestückt. Fündig wurden sie in der so genannten Fusiforme Face Area (FFA), also genau dem Bereich, welcher für das Erkennen von Gesichtern zuständig ist. Die FFA steht bereits seit Längerem im Zentrum intensiver Forschungen, dies gilt insbesondere für zwei dort gelegene Neuronencluster, genannt pFus und mFus. Ein glücklicher Zufall, dass bei Blackwell jeweils eine Elektrode auf jedem Cluster angebracht wurde. Damit eröffneten sich für für Josef Parvizi und seine Kollegen ungeahnte Möglichkeiten für aufschlussreiche Versuche.

Dass die verzerrten Wahrnehmungen bei Elektrostimulation sich auf die Gesichtserkennung beschränken, bestätigten weitere Versuche. So erlebte Blackwell sie nicht nur bei Parvizi, sondern ebenso beim Anblick eines weiblichen Gesichts. Die Kleidung seines Gegenübers nahm er dagegen während des gesamten Experiments als unverändert wahr. Bei einem Luftballon und einem Fernseher konnte Blackwell lediglich minimale Veränderungen feststellen.

Derzeit werden zwei Theorien zum Aufgabenbereich der FFA diskutiert. Nach Ansicht einiger Wissenschaftler ist sie ausschließlich auf Gesichtserkennung spezialisiert, während andere vermuten, dass sie beim Anblick aller interessanter Objekte aktiv wird. Für letzteres spricht, dass in Versuchen mit Autokennern auch Bilder von Autos eine Aktivität der FFA auslösten. Möglicherweise beherbergt das kleine Hirnareal mehrere Gruppen von Neuronen mit jeweils unterschiedlichen Aufgabenbereichen.

Inge Hüsgen

Zum Weiterlesen: 
Parvizi, Josef et. al.: Stimulating the Fusiform Gyrus Distorts Face Perception. In: The Journal of Neuroscience, 24. Oktober 2012, 32 (43), 14915-14920.

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Eindrücke vom Symposium 2012 "Das Tier im Menschen"

Unser 100. Post beinhaltet die ersten Bilder unseres diesjährigen Symposiums. Ein herzliches Dankeschön für das gute Gelingen an alle Referentinnen und Referenten, an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie an alle unsere Gäste!

Auch dieses Jahr war das Symposium restlos ausverkauft!

Anatomische Lehrmittel in Perfektion am Stand von SOMSO.

Weinverkostung am Samstagabend ...

... mit professioneller Beratung durch Martin Kössler (www.weinhalle.de).

Generationsübergreifend....

....wird das Vortragsprogramm studiert.

Vielen Dank für die Bilder an unsere Fotografin Karin Becker!

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Prof. Julia Fischer beim Symposium turmdersinne


Was steckt an tierischem Erbe in uns? Und welche Merkmale teilen wir mit unseren stammesgeschichtlichen Verwandten? „Ich finde den Affen im Menschen interessanter als den Menschen im Affen“, verrät die Primaten- und Verhaltensforscherin Prof. Julia Fischer heute gegenüber den Nürnberger Nachrichten. Julia Fischer arbeitet an der Uni Göttingen und leitet außerdem die Abteilung „Kognitive Ethologie“ am Deutschen Primatenzentrum. Ziemlich oft ist sie allerdings im Urwald unterwegs, beobachtet Alltagleben und Kommunikation unserer Verwandten untereinander.

Am Wochenende kommt Julia Fischer nach Nürnberg, um beim Symposium turmdersinne im Germanischen Nationalmuseum über ihr Forschungen zu berichten. Zum Thema „Das Tier im Menschen“ haben die Veranstalter eine ganze Reihe von renommierten Fachleuten als Referenten gewonnen, darunter Mediziner, Anthropologen, Neurowissenschaftler Philosophen.

Morgen Abend beginnt die seit Wochen ausverkaufte Drei-Tage-Veranstaltung mit einem Vortrag des bekannten Primatologen Prof. Volker Sommer. Julia Fischer ist am Samstag ab 14 Uhr zu sehen und zu hören. Unter dem Titel „Stimme in Stimmung“ spricht sie über Gefühle, Absichten und weibliche Reize in der menschlichen Stimme. Unter anderem wird sie erklären, wie wir anhand der Stimmlage unseres Gegenübers echte von gespielten Emotionen unterscheiden – und in welchen Fällen wir mit unserem Urteil falsch liegen. Außerdem wird sie die  Merkmale weiblicher Attraktivität in der Stimme erläutern.

Ein weites Feld, so ein Fazit der Forscherin: „Die Stimme verrät uns häufig mehr, als wir meinen – aber manchmal ist es auch umgekehrt.“

Zum Weiterlesen:
Julia Fischer. Affengesellschaft. Suhrkamp Verlag, 2012, € 26,95.

Inge Hüsgen

Symposium 2012 RESTLOS ausverkauft!!!

Für uns sehr erfreulich - für Kurzentschlossene leider nicht so schön: Das Symposium turmdersinne 2012 - Das Tier im Menschen ist leider komplett ausverkauft und auch die Nachrückerlisten sind schon voll.

Wir bedanken uns für das große Interesse und hoffen auf ein Wiedersehen beim Symposium 2013 - Bewusstsein – Selbst – Ich - Die Hirnforschung und das Subjektive am 4.-6. Oktober 2013 in der Stadthalle Fürth.

Dienstag, 25. September 2012

Ig-Nobel-Preise 2012


Gleich mehrere Studien aus Wahrnehmungsforschung und Neurowissenschaften wurden vor wenigen Tagen mit dem Ig-Nobelpreis ausgezeichnet.

Auch wenn der Name an das englische „ignoble“ (dt. etwa: "unwürdig") erinnert, ist die Ehrung von einem Schmähpreis weit entfernt. Im Mittelpunkt der Ehrungen, welche die die Zeitschrift Annals of Improbable Research jedes Jahr kurz vor Bekanntgabe der "echen" Nobelpreise verleiht, stehen vielmehr kuriose Forschungen. ZIel ist es, wie es das Ig-Nobel- Komitee ausdrückt: „to honor achievements that first make people laugh, and then make them think".

Der Preis für Psychologie ging an die Niederländer Anita Eerland und Rolf Zwaan sowie an Touio Guadalupe aus Peru. Sie haben herausgefunden, dass der Eiffelturm kleiner wird, wenn man sich beim Betrachten nach links lehnt. 

Ebenfalls aus den Niederlanden kommt Frans de Waal, der gemeinsam mit der Amerikanerin Jennifer Pokorny nachgewiesen hat, dass Schimpansen einander anhand von Gesäß-Fotos erkennen können. Dem Ig-Nobel-Komitee war dies einen Preis in Anatomie wert. 


Mit einem eindrucksvollen Hightech-Apparat und allerlei Statistik sicherte sich ein amerikanisches Forscherteam den Ig-Nobel-Preis für Neurowissenschaften. Craig Bennett, Abigail Baird, Michael Miller, und George Wolford ist es gelungen, Hirnaktivität bei einem toten Fisch nachzuweisen. Klingt komisch? Soll es auch. Mit dem Versuch wollen die Forscher darauf aufmerksam machen, zu welchen Fehlergebnissen falsch angewandte Methoden führen. 

Inge Hüsgen

Montag, 30. Juli 2012

Die große Ufo-Bilanz

Foto: Hermann Koberger
Besucher aus dem All - hier von Hermann Koberger im Bild festgehalten - ließen sich Freitag früh am Himmel üer Nürnberg blicken. Sind sie also endlich gekommen, die Raumfahrer aus fremden Welten? Natürlich nicht. Was da raumschiffartig durchs Bild zieht, ist ein außergewöhnlich heller Meteor - Astronomen sprechen von einer Feuerkugel. Zu beobachen sind solche Phänomene, wenn ein Gesteinsbrocken aus dem Weltraum in die Erdatmosphäre rast und dort verglüht - je größer, desto spektakulärer. 

Kein Wunder, dass nach solch einem Ereignis beim Ufo-Ermittler Werner Walter die Telefonleitungen glühen. Der Mannheimer recherchiert seit über 35 Jahren, was hinter Sichtungen von angeblichen außerirdischen Fluggeräten steckt. Über 4000 Fälle haben Walter und seine Kollegen vom Centralen Erforschungsnetz außergewöhnlicher Himmelsphänomene (CENAP) bisher untersucht. Echte Aliens haben sie aber sie allerdings noch keine entdeckt. Die bewegten Lichter am Nachthimmel gehen vielfach auf Flugzeuge, Himmelslaternen sowie auf helle Planeten zurück - und immer wieder auch auf prächtige Feuerkugeln wie oben im Bild.

Morgen kommt Werner Walter ins Nürnberger Nicolaus-Copernicus-Planetarium und zieht in einem Vortrag die Bilanz aus über drei Jahrzehnten kritischer Ufo-Forschung. Die Veranstaltung bildet den Abschluss der Reihe "Außer Sinnen". 

Werner Walter:
Wunderzeichen am Himmel
Die große Ufo-Bilanz
Dienstag, 31. Juli 2012, 19.30 Uhr 
Nicolaus-Copernicus-Planetarium Nürnberg
Eintritt: 7,- €/erm. 5,-€


Inge Hüsgen

Montag, 16. Juli 2012

Nahtoderfahrungen - wissenschaftlich betrachtet

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Ein letzter Blick auf den eigenen Körper, weit weg. Dann der Tunnel, ein Licht und das Gefühl von allumfassendem Frieden – manche sagen, so sieht der Weg ins Jenseits aus. Schließlich seien sie einmal beinahe dort gewesen: nach lebensbedrohlichen Situationen, etwa einem schweren Unfall oder einer Operation, berichten viele Menschen von solchen Nahtoderfahrungen.
Neurowissenschaftler erklären diese Erlebnisse ganz ohne übernatürliche Phänomene. „Nicht alle Merkmale treten bei allen Nahtoderfahrungen auf. Sie sind auch kein exklusives Merkmal von Nahtoderfahrungen, sondern werden auch von neurologischen Patienten oder nach der Einnahme von Drogen berichtet “, weiß Bigna Lenggenhager. Die Neurowissenschaftlerin erforscht, was sich während solcher Zustände im Gehirn abspielt.

Inzwischen ist es sogar gelungen, einzelne Elemente bei Probanden im Experiment auszulösen. Außerkörperliche Erfahrungen zum Beispiel lassen sich letztlich auf so genannte multisensorische Konfilkte zurückführen. Ein bekanntes Beispiel ist die „Gummihand-Illusion“, die auch Besucher der Wanderausstellung tourdersinne ausprobieren können. Ein vergleichbarer Effekt lässt sich mit Hilfe von Kameras und Videobrillen für den ganzen Körper hervorrufen. Messungen der Hirnaktivität zeigen ähnliche Muster wie bei spontanen außerkorperlichen Erfahrungen.
Dennoch hinterlässt bei Versuchsperosnen das Geschehen einen deutlich schwächeren Eindruck als das Spontan-Erlebnis.„Die Betroffenen sind danach oft in Frieden mit sich selbst.“ berichtet Bigna Lenggenhager, "manche wollen gar nicht hören, dass die überwältigende Erfahrung nur auf eine besondere Reaktion der Neuronen bei Sauerstoffmangel zurückgeht. Diejenigen, die davon erzählen, sind meist auch an den wissenschaftlichen Hintergründen interessiert."
Dass sich die Beschäftigung mit den Phänomenen lohnt, zeigt Bigna Lenggenhager am morgigen Dienstag, 17.07.2012, ab 19.30 Uhr in ihrem Vortratg im Nicolaus-Copernicus-Planetarium Nürnberg. Noch sind Karten zu haben.

Bigna Lenggenhager
Nahtoderfahrungen
Ein wissenschaftlicher Annäherungsversuch an ein mysteriöses Phänomen
Eine Veranstaltung aus der Reihe "Außer Sinnen"
Eintritt: 7 Euro, erm. 5,- Euro
Buchung über BZ Nürnberg

Inge Hüsgen 

Dienstag, 19. Juni 2012

Lebenshilfe oder Seelenpfusch?

Klingt doch gut: Alles kann ich erreichen: den Traumjob, die Top-Figur und den perfekten Partner noch dazu - ich muss es nur wollen. Versichern mir jedenfalls Bestseller wie „The Secret“ oder „Bestellungen ans Universum“.

Nur: warum finde ich noch nicht mal einen Parkplatz? Na, weil ich es mir nicht stark genug wünsche. Tief innen drin will ich doch gar nichts anders als die Durchschnittlichkeit. Und all die anderen Leute da draußen mit ihren unerfüllten Träumen? Warum gibt es dann überhaupt noch Krankheit, Sorgen, Lebenskrisen? Genau: nicht etwa, weil der Wunschzauber Stuss wäre, sondern weil wir Loser es schlicht nicht hinkriegen.

Das klingt nun alles gar nicht mehr flauschig. „Wunsch-Bullshit“ haben es Hugo Egon Balder und sein Koautor Jaky Dreksler diesen Trend zwischen Wellness, Esoterik und Größenwahn einmal genannt.

Wunschzauber muss schief gehen und er geht regelmäßig schief – mit teilweise verheerenden Folgen. Die Betroffenen fühlen sich schuldig und unzulänglich, kurz: mieser als vorher. Vergleichbares ist auch von anderen fragwürdigen Psychotechniken bekannt. Beim Familienstellen nach Hellinger etwa, wo die Betroffenen ihre teils hochemotionalen Konflikte nachspielen  – ohne dass anschließend eine therapeutische Aufarbeitung erfolgt.

Nicht selten haben Klienten bei solchen "Therapien" ein ungutes Gefühl, berichtet die Journalistin und studierte Psychologin Heike Dierbach. Dieses Warnsignal unbedingt ernst nehmen, rät sie. Fühlt sich eine Therapie „falsch“ an, sollten bei Verbrauchern die Alarmlampen angehen. Dasselbe gilt, wenn Anbieter zu viel versprechen, mit zufriedenen Ex-Klienten werben oder viel Geld verlangen.

Heike Dierbach hat sich gründlich in der Szene umgesehen und ein kritisches Buch über Psychotechniken und gefährliche Esoterik-Trends geschrieben. Am heutigen Dienstag berichtet sie im Nürnberger Nicolaus-Copernicus-Planetarium darüber.

Im Vortrag wird auch ein neuer Trend zur Sprache kommen, ein esoterischer Wahrheits-Test. Man braucht nur beide Arme nach vorne zu strecken. Sind sie gleich lang, dann stimmt die Aussage. Einfach ist es ja. Aber mir kommt da sofort dieser Spruch in den Sinn, der Albert Einstein zugeschrieben wird: „Macht die Dinge so einfach wie möglich. Aber nicht einfacher.“

Inge Hüsgen

Dienstag, 19.06.2012

Heike Dierbach:
Lebenshilfe oder Seelenpfusch?
Risiken und Nebenwirkungen alternativer Psychotechniken

Ein Vortrag aus der Reihe "Außer Sinnen"

Nicolaus-Copernicus-Planetarium, Nürnberg, 19.30 Uhr

Eintritt 7 Euro

Freitag, 1. Juni 2012

Homöopathie-Kritiker Edzard Ernst kommt


„Nichts drin, nichts dran!“ Unter diesem Motto schluckten Verbraucherschützer und Aufklärer im letzten Jahr flaschenweise homöopathische Globuli. Mit der Spaßaktion machten sie darauf aufmerksam, dass in vielen homöopathischen Mitteln gar kein Wirkstoff enthalten ist.

Der Erfinder der Homöopathie, Samuel Hahnemann, glaubte vor 200 Jahren, dass die Stoffe in enormer Verdünnung besonders stark wirken. Noch heute weden sie manchmal so stark verdünnt, dass das Fläschchen kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz mehr enthält. Das Präparat Belladonna D 30 ist so ein Fall. „Wo Belladonna D 30 draufsteht, ist kein Belladonna drin“, brachte es der Physiker Prof. Martin Lambeck einmal auf den Punkt.

Kann Homöopathie nicht trotzdem helfen, etwa durch bisher unbekannte Mechanismen? Tut sie aber nicht. In kontrollierten Tests schneiden homöopathische Medikamente nicht besser ab als Scheinmedikamente.

Einer, der sich mit Homöopathie auskennt, ist Edzard Ernst, emeritierter Professor für Alternativmedizin an der englischen Universität Exeter. Ernst ist bekannt als wissenschaftlicher Homöopathiekritiker und wurde in diesen Tagen in Berlin mit einem Preis der amerikanischen Skeptiker-Vereinigung CSI geehrt.

Am Dienstag, 05.06.2012, eröffnet Edzard Ernst in Nürnberg die Veranstaltungsreihe Außer Sinnen des turmdersinne. Im Mittelpunkt der fünfteiligen Serie stehen Phänomene, die sich scheinbar jeder wissenschaftlichen Erklärung entziehen. Wohlgemerkt: scheinbar...

Und Skepsis - also kritisches Prüfen auf wissenschaftlicher Grundlage - ist angebracht, wenn es um Homöopathie geht. Denn die Zauberkügelchen sind alles andere als ungefährlich, wie Ernst in seinem Vortrag zeigt. Wer sich als Patient bei ernsten Erkrankungen auf Homöopthie verlässt, verspielt kostbare Zeit; wer die wirkungslose Methode bei schwersten Erkrankungen anpreist, tut den Betroffenen wahrhaftig keinen Gefallen.

Inge Hüsgen
  
Dienstag,05.06.2012, 19.30 Uhr
Edzard Ernst: Homöopathie - Aberglaube oder Wissenschaft?
Nicolaus-Copernicus-Planetarium Nürnberg
Buchung über BZ (Kurs-Nr. 00851)


Zum Weiterlesen:
  • Edzard Ernst, Simon Singh: Gesund ohne Pillen – was kann die Alternativmedizin? Hanser 2009, 4. Aufl.

Freitag, 25. Mai 2012

Pfingstferien im turmdersinne


Die Pfingstferien haben angefangen! Klar, dass sich das Team des turmdersinne wieder jede Menge Ferienaktionen für alle Daheimgebliebenen und Nürnberg-Besucher ausgedacht hat. 

Highlight ist der interaktive Workshop "Spaß am SEHEN" für Kinder zwischen 7 und 10 Jahren, der am Mittwoch, 30. Mai, im Rahmen der aktuellen Fotografie-Ausstellung stattfindet. Zur Einstimmung gibt es eine Museumsführung, bevor die jungen Teilnehmer gemeinsam mit der Fotokünstlerin Annette Horn spielerisch die Welt des Sehens erkunden. Bei den spannenden Experimenten kommen verschiedene Materialien und Techniken zum Einsatz. Und wenn Annette Horn von ihren eigenen Werken erzählt, erwacht ganz spielerisch die Freude am Kunsterlebnis.

Bereits am folgenden Tag, 31. Mai, wartet die nächste Aktion auf neugierige Köpfe. Beim Forscherrundgang begeben sich Kinder zwischen 6 und 10 Jahren auf Entdeckertour durchs Hands-on-Museum turmdersinne und erleben spannende Wahrnehmungsphänomene am eigenen Leib.

Eine Führung durch die aktuelle Sonderausstellung "Fotografie - ein Experiment" steht am Freitag, 1. Juni, auf dem Programm.

Auch in der zweiten Ferienwoche tut sich was im Turm. In der Exponate-Werkstatt finden Kinder von 8 bis 12 Jahren heraus, wie die Wahrnehmungstäuschungen im Hands-on-Museum funktionieren, und bauen Exponate nach.
 Übrigens: In den gesamten Pfingstferien, also vom 26. Mai bis 10. Juni 2012, hat das Hands-on-Museum turmdersinne täglich (auch montags) von 11-17 Uhr geöffnet.

Mittwoch, 30. Mai 2012, 9.00-11.30 Uhr: Spaß am SEHEN Führung (60 min.) und Workshop (90 Min.) sind nur zusammen buchbar.
Voranmeldung erforderlich! Die Teilnehmerzahl ist auf 12 Kinder beschränkt.

Donnerstag, 31.05.2012, 10-12 Uhr:  Forscherrundgang

Freitag, 01. 06.2012, 18.00-19.00 Uhr: Führung für Erwachsene und Kinder ab 12 Jahren

Dienstag, 05.06.2011, 9.00-11.30 Uhr: Exponate-Werkstatt 

Inge Hüsgen

Dienstag, 22. Mai 2012

Heute in Nürnberg: Ausgezeichnete Täuschungen



Ganz gemächlich scheint er sich im Uhrzeigersinn zu drehen, der „Floating Star“ in der gleichnamigen Grafik von Kaia Nao (siehe Abb.). Obwohl wir wissen, dass es auf einer statischen Zeitungsseite keine Bewegung geben kann, folgen wir doch fasziniert den wandernden Farbflächen.
„Floating Star“ ist einer von zehn Gewinnern eines weltweit einzigartigen Wettbewerbs für visuelle Illusionen, des jährlichen Best Illusion of the Year Contest. Zunächst hatte sie eine Jury aus internationalen Hirn- und Wahrnehmungsforschern überzeugt. Das letzte Wort hatten am Montag die Gäste einer Gala-Veranstaltung in Naples (Florida), die aus den nominierten Arbeiten die Sieger wählten.
2005 fand der Wettbewerb erstmals statt, seit letztem Jahr kann auch das Publikum in Nürnberg die verblüffenden, ästhetischen Arbeiten bewundern. Für gleichermaßen fachkundige wie spannende Erläuterungen sorgt erneut ein ausgewiesener Experte: Professor Michael Bach von der Universitäts-Augenklinik Freiburg, der die Gewinner am kommenden Dienstag im Nürnberger Planetarium vorstellt.

Visuelle Täuschungen sind Sonderfälle der Wahrnehmung. Indem sie unsere erlernten und evolutionär erworbenen Sehgewohnheiten infragestellen, verraten sie viel darüber, wie „Wahrnehmen“ normalerweise funktioniert.

Es ist kein Zufall, dass sich in den Wettbewerbslisten der letzten Jahre viele Wissenschaftler finden, darunter Wahrnehmungsforscher, Neurowissenschaftler und Augenärzte, aber auch Künstler, die sich von aktuellen Forschungsergebnissen inspirieren lassen.

Aus der künstlerischen Ecke kommt auch der Schöpfer von „Floating Star“. Kaia Nao, das ist ein Pseudonym des amerikanischen Malers Joe Hautman, der sich mit realistischen Tier- und Naturgemälden einen Namen gemacht hat.

Auch sie stellen, genau genommen, eine Art visuelle Täuschung dar, wie der Künstler erklärt. Wie sonst, wenn nicht mit ausgeklügelten Tricks ließe sich auf flacher Leinwand beispielsweise die Illusion einer weiten Landschaft erzeugen? Und wie ließe sich erklären, dass selbst winzige Details die Wirkung eines Bildes komplett verändern können?
„Diese Beobachtungen brachten mich dazu, die Anomalien an den Grenzen unserer visuellen Wahrnehmung und die Schnittstellen der mentalen Verarbeitungsprozesse zu erkunden“, sagt der Maler rückblickend. Ein Resultat dieser fruchtbaren Auseinandersetzung ist „Floating Star“, die neuartige Version einer Scheinbewegung, die durch geschickte Anordnung der Farbflächen zustandekommt.  

Inge Hüsgen

Alle Finalisten des Illusion-Contests hier

Vortrag von Michael Bach am Dienstag, 22. Mai ab 19.30 Uhr im Nicolaus-Copernicus-Planetarium.
Eintritt 7,- €/erm. 5,- €
Buchung über BZ (Kurs-Nr. 00845)

Dienstag, 15. Mai 2012

And the winner is...

Sie lassen Models zu Monstern mutieren, bringen Bewegung in starre Muster und lassen eine Hand  verschwinden - jedenfalls überzeugen sie uns, dass genau diese unwahrscheinlichen Dinge wirklich geschehen.

Kreative Künstler und Wissenschaftler machen sich die Macken unseres Sehsystems für immer neue, überraschende und ästhetische Illusionen zunutze. Die verblüffendsten visuellen Täuschungen 2012 wurden am gestrigen Montag beim "Best Illusion of the Year Contest" in Naples (Florida) prämiert.

Kaum ist der feierliche Gala-Abend vorüber, zeigt der turmdersinne die preisgekrönten Arbeiten in Nürnberg. Am kommenden Dienstag, 22.05.2012, stellt Prof. Michael Bach von der Universitäts-Augenklinik Freiburg die Gewinner vor und erklärt, mit welchen Tricks die Schöpfer der Arbeiten unseren Sehapparat jeweils aufs Glatteis führen

Einen Vorgeschmack auf die preisgekrönten Illusionen gibt es hier.

Dienstag, 22.05.2012, 19.30 Uhr
Prof. Dr. Michael Bach: Ausgezeichnete Täuschungen 
Nicolaus-Copernicus-Planetarium, Nürnberg
Ein Vortrag aus der Reihe "Von Sinnen"

Inge Hüsgen

Freitag, 4. Mai 2012

Rekordbesuch im turmdersinne




Im April 2012 verzeichnete das Hands-on-Museum turmdersinne mit 3.325 Besuchern einen Rekordbesuch. Seit Eröffnung 2004 gab es erst 11 Monate mit mehr Besuchern. 
In diesen Tagen lockt der turmdersinne übrigens mit einer neuen Sonderausstellung.Unter dem Titel "Fotografie - ein Experiment" erkunden vier Künstler die Möglichkeiten der Fotografie - von der Lochkamera bis zur digitalen Bildbearbeitung.

Inge Hüsgen

Donnerstag, 26. April 2012

Fotografie - Ein Experiment


So kannten Sie den alten Dürer noch nicht! In der Interpretation der Künstlerin und Diplom-Designerin Margit Hüttner erinnert das Porträt des Renaissance-Meisters fast an die Arbeiten von Andy Warhol. Doch während Warhol bevorzugt mit Siebdruck arbeitete, nutzt Hüttner die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung. Auf diese Weise entstanden ihre Konzeptlinien Dürer Update (2008) und Städte/Cities – New Yorks Symbole (2001), aus denen der turmdersinne ab morgen ausgewählte Arbeiten in einer Sonderausstellung zeigt.

Titel der Schau: "Fotografie - ein Experiment. Meisterwerke vor der Linse". Margit Hüttner gehört zu den vier Nürnberger Künstlerinnen und Künstlern, die darin ihre Auseinandersetzung mit alten und neuen Techniken der Fotografie präsentieren.


Wie Hüttner hat sich auch Udo Beck der Erweiterung fotografischer Techniken verschrieben. Was geschieht, wenn man eine Lochkamera nicht mit einem, sondern mit 111 Löchern versieht? Auf dem Fotopapier entstehen unzählige, einander überblendende Abbilder, wie der Künstler in seiner Serie „111er“ dokumentiert.


Andere Arbeiten widmen sich der Erforschung des eingefangenen Motivs. Die Fotokünstlerin Annette Horn hält mit der Kamera Augenblicke fest, die der Wahrnehmung verborgen bleiben. Ihre Serien „Orchideen“ und „Walchensee“ strahlen Energie und Dynamik aus, wirken fast abstrakt und verfremden das Motiv bis zur Grenze der Erkennbarkeit.


Das psychologische Moment der Fotografie steht im Mittelpunkt von Michael Wanners Arbeiten. Mit atmosphärischer Bildwirkung setzt er sich ebenso auseinander wie mit unbewussten Wahrnehmungsprozessen. Auf diese Weise führt er unsere Seherwartungen gekonnt in die Irre.

Sonderausstellung
Fotografie - Ein Experiment. Meisterwerke vor der Linse

Hands-on-Museum turmdersinne am Westtor (Spittlertorgraben, Ecke Mohrengasse), Nürnberg
Vernissage: Freitag, 27. April, 18 Uhr
Die Ausstellung läuft bis 1. Juli 2012, der Eintritt ist im regulären Preis enthalten.

Konzept und Organisation: Jana Marks

Zum Vormerken: An jedem ersten Freitag im Monat bietet der turmdersinne von 18 bis 19 Uhr einen geführten Rundgang durch die Ausstellung an.
Anmeldung Tel. 0911 / 9443281
E-Mail: info@turmdersinne.de

Inge Hüsgen


Dienstag, 24. April 2012

Vortrag mit Prof. Angela Friederici



Wie mühelos Kinder eine Fremdsprache lernen, bringt nicht nur Eltern immer wieder zum Staunen. Sogar die ganz Kleinen sind schon wahre Sprachgenies, wie man heute weiß. Bereits mit vier Monaten können Babys einfache Regeln einer fremden Sprache erlernen, wie die Sprach- und Kognitionsforscherin Angela Friederici gezeigt hat.


Im Versuch spielte ihr Team Säuglingen mit deutscher Muttersprache zunächst einfache italienische Sätze vor. Anschließend mischten sie zwischen diese korrekten Sätze auch solche mit Grammatikfehlern. EEG-Messungen zeigten, dass die Babys die falschen Sätze schon nach einer Viertelstunde Lernzeit erkannten.

Zuvor war man davon ausgegangen, dass sich diese Fähigkeit erst mit etwa anderthalb Jahren entwickelt. „Das erschien mir immer reichlich spät“, sagt Angela Friederici, die sich als (Gründungs-)Direktorin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig mit all dem beschäftigt, was beim Sprachenlernen im Gehirn geschieht. Am kommenden Dienstag berichtet sie im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Von Sinnen“ über ihre Forschungen.

Heute weiß man, dass das Sprachenlernen sehr früh beginnt. Bereits im Alter von zwei Monaten können Kleinkinder bestimmte Laute auseinanderhalten, mit fünf Monaten beginnen sie die typischen Betonungsmuster ihrer Muttersprache zu lernen. Einfache Wörter und ihre Bedeutungen kommen im Laufe des ersten Lebensjahres hinzu. Die ersten Satzbau-Regeln werden mit zwei bis drei Jahren beherrscht, kompliziertere Sätze können die Kinder erst vom sechsten bis siebten Lebensjahr an bilden.

Alles, was wir lernen, schlägt sich in Veränderungen des Denkorgans nieder. Nervenzellen bilden neue Verbindungen, schließen sich zu komplexen Netzwerken zusammen, Fachleute sprechen auch vom „plastischen“, also wandlungsfähigen Gehirn.

Bis zu einem gewissen Grad behält das Gehirn seine Plastizität bis ins hohe Alter. Die Grundlagen werden jedoch in der Kindheit gelegt. Aus diesem Grund plädiert Angela Friederici für eine frühe, spielerische Förderung. Ohne Drill und Lehrplan, versteht sich. Viel wichtiger ist es nach ihrer Ansicht, sich mit dem Kind zu beschäftigen und beispielsweise gemeinsam Kinderlieder zu singen. Denn zum Sprechenlernen brauchen Kinder ein Gegenüber. Und weil beim Singen und Musizieren teilweise dieselben Hirnareale aktiv werden wie beim Sprechen, trainiert Musik das Gehirn gleich doppelt.

Heute, am 24. April 2012, gastiert Angela Friederici mit dem Vortrag „Sprachentwicklung und Gehirn“ im Nürnberger Nicolaus-Copernicus-Planetarium. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr. Vorher, ab 17 Uhr, können die Besucher an einer kostenlosen Sonderführung im Museum für Kommunikation teilnehmen.

Buchung über BZ Nürnberg oder vor Ort an der Abendkasse.

Inge Hüsgen

Mittwoch, 18. April 2012

TV-Tipp: turmdersinne bei "X:enius"

Jeannie Michaelsen und Adrian Pflug kamen aus dem Staunen nicht mehr raus: Beim Dreh im Hands-on Museum turmdersinne erlebten die beiden TV-Moderatoren am eigenen Leib, wie unser Wahrnehmungssystem das Bild von der Welt konstruiert.

Zu sehen ist ihr Beitrag morgen, Donnerstag, 19. April 2012, um 8.25 Uhr im Wissensmagazin "X:enius" auf arte, der Titel „Tarnung – können wir unseren Augen trauen?“

Aus der Ankündigung:

In einer Sendung – in der nicht alles ist, wie es scheint – machen sich die “X:enius”-Moderatoren Jeannine Michaelsen und Adrian Pflug auf die Suche nach der perfekten Tarnung. Was macht eine perfekte Tarnung aus? Können wir unseren Augen immer trauen? Und wird dank physikalischer Forschung und der Entwicklung von sogenanntem Metamaterial die fabelhafte Tarnkappe doch irgendwann Realität?

Die Sendung wird am Freitag, 20.04.2012, ab 13 Uhr wiederholt. Danach dann 7 Tage lang online bei Arte +7.

Freitag, 13. April 2012

brainWEEK 2012 in Nürnberg

Die Veranstaltungen zur diesjährigen internationalen Woche des Gehirns in Nürnberg waren zum wiederholten Mal außerordentlich gut besucht.


Der turmdersinne koordiniert seit vielen Jahren im März Lesungen, Vorträge, Filmabende und Diskussionen in Kooperation mit lokalen Einrichtungen wie dem Klinikum Nürnberg, dem Programmkino Casablanca und dem Nicolaus-Copernicus Planetarium.
Dieses Jahr waren verschiedenste Themen aus den Kognitionswissenschaften vertreten: Eine Matinée eröffnete die brainWEEK mit Vorträgen von Medizinern des Klinikum Nürnberg, die aktuelle Forschungsergebnisse und Einsichten in das Thema „Gehirn und Gedächtnis“ gewährten. Rund 250 Besucher verfolgten Vorträge über die Funktionsweise des Gedächtnisses, den Informationsgehalt bildgebender Verfahren, „Mind-reading“, Gedächtnisstörungen und die Rolle des Unbewussten für das Gedächtnis.
Im turmdersinne konnten sie dieses neu gewonnene Wissen durch Erfahrung ergänzen. Eine spezielle Tour führte Besucher mit Augenmerk auf gedächtnisrelevante Phänomene durch das Hands-on-Museum (buchbar auch außerhalb der brainWEEK unter info@turmdersinne.de).

Auch der Nobelpreisträger Eric Kandel ist "Auf der Suche nach dem Gedächtnis”, wie der Titel der gleichnamigen Dokumentation über den charismatischen Wissenschaftler verrät. Der Film wurde im Rahmen der brainWEEK neben “Shutter island”, “Forgetting Dad” und “Goodnight Nobody” im Programmkino Casablanca gezeigt. Mediziner des Klinikums kommentierten anschließend die thematisierten Phänomene. So erfuhren die Besucher unter anderem, wie wichtig soziale Kontakte sowie Sport und Ernährung für ein gutes Gedächtnis im Alter sind; auch wenn Alzheimer noch nicht geheilt werden kann.

Die Lesung „Mann, Frau, Gehirn“ mit dem Geschäftsführer Rainer Rosenzweig, seiner Frau Barbara und dem Physiker Helmut Fink fasste aktuelle interdisziplinäre Erkenntnisse zu einem populären und viel diskutierten Thema zusammen.

Zum Abschluss der brainWEEK 2012 vereinte ein Highlight zwei scheinbar unvereinbare Disziplinen im Rahmen einer ausverkauften Veranstaltung im Nicolaus-Copernicus Planetarium: “Science meets comedy” beschreibt die Kombination aus dem englischsprachigen wissenschaftlichen Vortrag der Journalistin Rita Carter mit der unterhaltsamen „Übersetzung“ des Zauberkünstlers Thomas Fraps sowie seinen verblüffenden Tricks. Das Thema „Spuk im Hirn“ wurde so sowohl informativ als auch unterhaltsam präsentiert. Während Berichte über Entführungen durch Außerirdische mithilfe von luzidem Träumen und Schlaflähmung entzaubert werden konnten, verzauberte Thomas Fraps die faszinierten Besucher mit Tricks, die sie fragen ließen „Wie macht er das bloß?“.

Über 900 Besucher lockte das vielseitige Programm der brainWEEK 2012 allein in Nürnberg. Die nächste internationale Woche des Gehirns wird zu einem Termin stattfinden, der für den turmdersinne ein ganz besonderer ist: Das kleine Science Center am Westtor der Nürnberger Stadtmauer feiert im März 2013 Jubiläum! Seit 10 Jahren lädt der Stadtmauerturm mit interaktiven Exponaten dazu ein, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. Möge uns das nächste Jahrzehnt noch mehr erstaunliche Phänomene, Wissenschaft zum Anfassen und Freude am Experimentieren bereiten!

Claudia Muth
Museumsleiterin des turmdersinne

Mittwoch, 11. April 2012

Training für Schnelldenker

Um Erfolg, Lebensqualität und ein längeres Leben in der Wissensgesellschaft ging es am Dienstag, 10. April 2012, im zweiten Vortrag der Reihe Von Sinnen. Den über hundert gespannten Besuchern erklärte Dr. Siegfried Lehrl, Psychologe und Präsident der Gesellschaft für Gehirntraining, was rasche Informationsverarbeitung mit Intelligenz zu tun hat und wie man das Hirn trainieren kann.

Heute morgen gut gefrühstückt? Dann stehen die Chancen gut, dass Ihr Hirn in Topform ist. Ein gesundes Frühstück ist einer von mehreren Tricks, um das Denkorgan in Schwung zu bringen. Noch einer, vor allem für Schüler und Studenten: im Unterricht und bei der Vorlesung mitschreiben, auch wenn der Skript zum Download bereitsteht. Wenn es nichts zum Mitschreiben gibt, hilft auch Kaugummikauen. Bewegung bringt das Hirn auf Trab – schon minimale regelmäßige Hand- und Kieferbewegungen genügen. Wer dagegen bewegungslos zuhört, dessen Gehirn schaltet schon nach ein, zwei Minuten einige Gänge runter.

Soll es aber nicht, denn die Geschwindigkeit beim Verarbeiten von Informationen ist ein wichtiger Faktor für die Intelligenz. Dies gilt nicht nur für die Tagesform, sondern auch darüber hinaus, weiß Siegfried Lehrl von der Universität Erlangen-Nürnberg aus einer Reihe von Forschungen. Wie rasch ein Mensch Informationen verarbeiten kann, ist individuell verschieden und ändert sich im Laufe des Lebens, beispielsweise sind 15-Jährige sind mehr als doppelt so schnell wie Achtjährige. Doch bereits ab dem 25. Lebensjahr arbeitet bei den meisten von uns das Denkorgan immer langsamer – auch wenn wir es nicht bemerken.
Allerdings gibt es schon unter Gleichaltrigen flotte und gemächliche Denker, weiß Lehrl aus zahlreichen Forschungen: „Schon in der Schule sitzen Riesen und Zwerge zusammen.“

Ist ein langsames Gehirn Schicksal? Müssen wir dem Abbau von Geist und Gedächtnis im Laufe der Lebensjahre tatenlos zusehen? Lehrl, der auch Präsident der Gesellschaft für Gehirntraining ist, sieht keinerlei Anlass zur Resignation.

Das Gehirn lässt sich in jedem Lebensalter trainieren, und immerhin einem Viertel der Bevölkerung gelingt es bereits, die Verlangsamung im Alter aufzuhalten. Siegfried Lehr verrät das Erfolgsrezept: eine geistig anregende Umgebung, gesunde Ernährung, genügen Schlaf und ein wenig Sport.

Es war übrigens ein Nürnberger Wissenschaftler, Erwin Roth, der den Zusammenhang zwischen schneller Informationsverarbeitung und Intelligenz entdeckt hat. Die Gesellschaft für Gehirntraining machte Roths Erkenntnisse zur Grundlage eines Fitness-Programms fürs Denkorgan.

Der nächste Vortrag der Reihe "Von Sinnen" steht am 24. April, 19 Uhr, auf dem Programm. Unter dem Titel "Sprachentwicklung und Gehirn" berichtet Prof. Angela Friederici vom MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften dann über neuronale Grundlagen frühkindlicher Sprache.

Ort: Nicolaus-Copernicus-Planetarium, Nürnberg

Eintritt:  7,-Euro/ erm. 5,- Euro
Anmeldung

Inge Hüsgen

Montag, 26. März 2012

"Alle Sinne beisammen?"


„Alle Sinne beisammen?“ Mit dieser provokanten Frage eröffnet der Physiker und Philosoph Prof. Dr. Dr. Gerhard Vollmer am Dienstag, 27.03.2012, im Nürnberger Nicolaus-Copernicus-Planetarium die Vortragsreihe „Von Sinnen“. Im Vorfeld sprach Inge Hüsgen mit ihm über Wahrnehmung und erstaunliche Sinnesleistungen.


Herr Professor Vollmer, im Alltag spricht man von den „fünf Sinnen des Menschen“. In der Ankündigung Ihres Vortrags ist von bis zu 20 Sinnen die Rede. Welche sind dies?

Unter anderem zählt man die Sinne für Schmerz, Kälte, Wärme und den Gleichgewichtssinn dazu, ferner die propriozeptorischen Sinne, die uns die aktuelle Position unseres Körpers im Raum mitteilen oder über Hunger, Durst und Sauerstoffmangel informieren. Sie alle haben sich im Laufe der Evolution als vorteilhaft fürs Überleben erwiesen. Sie decken jedoch nicht die Gesamtheit der Welt ab. Beispielsweise fehlt uns die Fähigkeit zur Wahrnehmung von elektrischen und magnetischen Feldern, insbesondere des Erdmagnetfeldes.

Die Evolutionäre Erkenntnistheorie erklärt nicht nur die Sinneswahrnehmung, sondern unsere gesamte Erkenntnisfähigkeit als Ergebnis der Evolution.

Ja, sie geht aus von der Frage: „Wieso können wir die Welt erkennen?“ Ist es reiner Zufall? Hat uns ein Schöpfer mit diesen Fähigkeiten ausgestattet? Für die Evolutionäre Erkenntnistheorie ist dies ein Ergebnis der Evolution. Bei Zentralnervensystem, Gehirn und Sinnesorganen handelt es sich um Organe, mit deren Hilfe wir das erkennen und lernen, was für unser Überleben wichtig ist. Dennoch garantiert uns dies kein sicheres Wissen. Die Evolutionäre Erkenntnistheorie geht davon aus, dass unser Erkennen fehlbar ist.

Wie kommt es zu Wahrnehmungstäuschungen, wie sie die Besucher des Hands-on-Museums turmdersinne erleben können?

Wir täuschen uns ständig, aber es fällt uns nicht auf. Im Blickfeld jeden Auges gibt es einen „blinden Fleck“, wo wir nichts sehen. Doch das Gehirn füllt diese Lücke, sodass sie uns nicht bewusst wird. Auch ist unsere Wahrnehmung darauf angelegt, die Welt der mittleren Dimensionen zu erkennen. Was über diesen Mesokosmos hinausgeht, ist für uns unanschaulich. Deshalb tun wir uns so schwer mit Quanten- und Relativitätstheorie, aber auch mit Statistik.

Zu Wahrnehmungstäuschungen kommt es dann, wenn der Rahmen des Mesokosmos überschritten wird – und das geschieht leicht, auch ohne dass es uns immer auffällt. Deshalb ist das Museum turmdersinne Gold wert, weil die Besucher dort die vielfältigen Möglichkeiten der (Selbst-)täuschung am eigenen Leibe erleben können.

Häufig ist von einem kulturellen Einfluss auf die Wahrnehmung die Rede. Wie ist das zu verstehen?

Erwartungen und Vorannahmen wirken wie ein Wahrnehmungsfilter. Dies zeigt ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte: Chinesische Chroniken berichten, dass im Jahr 1054 plötzlich ein heller Stern am Himmel erschien, ein „Gaststern“, wie es in den Texten heißt. Heute wissen wir, dass es sich um eine Supernova handelte, eine Sternexplosion, deren Überbleibsel den modernen Astronomen als Krebsnebel bekannt ist. Auch im Abendland war die Supernova sichtbar, doch es gibt keine Berichte über einen neuen Stern. Anders als in China ging man in Europa von einem ewig unveränderlichen Sternenhimmel nach göttlicher Ordnung aus, in dem „neue Sterne“ keinen Platz haben. Stattdessen deutete man das Licht am Himmel als unbedeutende atmosphärische Erscheinung

Auch die Sprache spielt eine wichtige Rolle für die Wahrnehmung: Dinge, für die wir unterschiedliche Wörter haben, nehmen wir auch leichter als unterschiedlich wahr. Außerdem lässt sich Wahrnehmung durch Training verbessern.

Wie sollte ein solches Training beschaffen sein?

Es sollte die Ebenen Wahrnehmung, Erfahrung und Wissenschaft umfassen. Lehrer und Dozenten sollten im Unterricht viel stärker auf Täuschungsgefahren hinweisen, und überraschende Experimente in den Lehrstoff einflechten. Und wir sollten uns bewusst sein, dass wir irrtumsanfällig sind und dass auch unser Lehrstoff Fehler enthalten kann. Theorien sind nicht beweisbar; sie könnten falsch sein. Wir sollten Fehler systematisch suchen, um sie möglichst bald beseitigen zu können. Wie mein Kollege Odo Marquard gern sagt: „Wir irren uns empor.“


Dienstag, 27. März 2012, 19.30 Uhr
Prof. Gerhard Vollmer: Alle Sinne beisammen? Warum unsere Wahrnehmung Erstaunliches leistet.
Nicolaus-Copernicus-Planetarium Nürnberg
Eintritt 7 Euro, erm. 5 Euro
Buchung über BZ Nürnberg

Montag, 12. März 2012

"Mann, Frau, Gehirn": Die Lesung


Selten sind sie alle drei zur selben Zeit am selben Ort: Mann, Frau und Gehirn. Am Mittwoch, 14. März 2012,  ist es so weit: Zum Rückblick auf das Rekord-Symposium 2010 des turmdersinne treten sie vereint auf. Die Beiträge von damals sind inzwischen als Buch erschienen. Auszüge daraus werden mit verteilten Rollen gelesen. Das Thema bleibt aktuell: Geschlechterdifferenz und Neurowissenschaft.

"Mann, Frau, Gehirn". Eine launige Lesung zu einem trostlosen Thema

In den Titelrollen: Rainer Rosenzweig, Barbara Rosenzweig, Helmut Fink
Mittwoch, 14. März, 19.30 Uhr
Zeitungscafé der Zentralbibliothek Nürnberg (Eingang über Peter-Vischer-Straße)
Eintritt: € 8,- (erm.: € 6.- für Schüler, Studierende sowie für turmdersinne-Förderkreis-Mitglieder und Mitarbeiter von Partnerunternehmen des turmdersinne).


Kartenreservierung empfohlen: Tel. 0911 9443281 oder info@turmdersinne.de; Restkarten an der Abendkasse. Abholung der reservierten Karten spätestens 15 Minuten vor Veranstaltungsbeginn!


Das Buch zur Lesung:


Helmut Fink, Rainer Rosenzweig:
Mann, Frau, Gehirn. Geschlechterdifferenz und Neurowissenschaft
Mentis Verlag 2011, 174 Seiten, € 29,80



Sonntag, 11. März 2012

Kinoabend bei der Nürnberger brainWEEK

Nach dem gestrigen Auftakt der Nürnberger brainWEEK geht es heute (Sonntag, 11. März 2012) weiter mit großem Kino im Casablanca. Die beiden gezeigten Filme nähern sich dem Thema Gedächtnis auf ganz unterschiedliche Weise.

Um 17 Uhr steht eine preisgekrönte Doku auf dem Programm. „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“ nannte Regisseurin Petra Seeger ihr Filmporträt des Hirnforschers und Nobelpreisträgers Eric Kandel.



In zweierlei Hinsicht ein treffender Titel: Zum einen geht es um Kandels grundlegende Forschungen über die biochemischen Grundlagen des Erinnerns. Gleichzeitig nimmt der Film seine Zuschauer mit auf eine Zeitreise in Kandels Biografie. Als Neunjähriger musste er vor den Nationalsozialisten aus seiner Heimat Österreich in die USA fliehen, studierte Medizin und widmete sich der Neurobiologie.

An Meeresschnecken erforschte er die molekularen Grundlagen des Gedächtnisses und wurde im Jahr 2000 für seine Arbeit mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Erinnerungen, so Kandels Erkenntnis, verändern die Struktur des Gehirns. Nicht nur bei Meeresschnecken: „Wir sind, was wir sind aufgrund unserer Erinnerung“, ist der Forscher überzeugt. Das Filmteam hat zusammen mit Kandel die Stationen seines Lebenswegs besucht.

Gedächtnis und Erinnerung stehen auch im Mittelpunkt von Martin Scorseses Psychothriller „Shutter Island“, den das Casablanca anschließend, um 19.30 Uhr, zeigt. In den Hauptrollen sind Leonardo di Caprio und Ben Kingsley zu sehen. 



Worum geht es? 1954: Aus einem Hospital für psychisch gestörte Schwerverbrecher ist eine Patientin verschwunden. Bei der Untersuchung des Falls gerät Marshal Daniels in einen Strudel aus Paranoia und Verschwörungen und muss sich eigenen quälenden Erinnerungen stellen. Es geht um Menschenversuche und Psychopharmaka, um Halluzinationen und Schein-Identitäten.

Im Anschluss an jeden Film haben die Besucher Gelegenheit, sich mit Fachärzte des Klinikums Nürnberg überdie Filmthemen und ihre Entsprechungen im Klinik-Alltag zu unterhalten.
Inge Hüsgen


Sonntag, 11. März 2012
Themenabend im Kino Casablanca , Kopernikusplatz, Brosamer Str. 12, 90459 Nürnberg

  • 17.00 Uhr: Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Der Hirnforscher Eric Kandel (D 2008, 95 min., FSK 0)
  • 19.30 Uhr Shutter Island (USA 2010, 138 min., FSK ab 16)
Eintritt pro Film € 7,50/ erm. € 5,-
Kartenreservierung empfohlen, Tel. 0911454824 oder online

Übrigens: Morgen (Montag, 12. März 2012) wird "Auf der Suche nach dem Gedächtnis" noch einmal für Schulklassen gezeigt.

Dienstag, 6. März 2012

TV-Tipp: turmdersinne bei „Galileo“

Kann sich ein Bär unbemerkt in ein Basketballteam einschleichen? Wieso lassen wir uns von Farbverläufen, Schattierungen und Perspektiven in die Irre führen? Und wie kommt es, dass wir bisweilen nicht mal einfache Worte vorlesen können?

Um dies und vieles mehr herauszufinden, hat ein Filmteam des Pro7-Magazins "Galileo" das Hands-on-Museum turmdersinne besucht und ließ sich von Geschäftsführer Dr. Rainer Rosenzweig die Exponate erklären.

Zu sehen ist der Beitrag heute, Dienstag, 06.03.12, ab 19 Uhr bei "Galileo" auf Pro7.

Freitag, 2. März 2012

Spuk im Hirn

Interview mit der Wissenschaftsjournalistin Rita Carter.


Keine zwei Wochen sind es noch, bis zur diesjährigen Ausgabe von „Science meets Comedy“. Am Freitag, 16. März 2012, wird als Highlight der Nürnberger brainWEEK die britische Wissenschaftsjournalistin Rita Carter (in englischer Sprache, kreativ "übersetzt" von Thomas Fraps) erklären, wie Halluzinationen und Aberglaube, aber auch unsere alltäglichen Wahrnehmungen zustande kommen. Im Vorfeld  hat sich Inge Hüsgen mit Rita Carter unterhalten.


Inge Hüsgen: Als Wissenschaftsjournalistin beschäftigen Sie sich mit der Vermittlung von Fragen der Neurowissenschaften. Warum ist es nach Ihrer Ansicht wichtig, diese Themen allgemeinverständlich für die Öffentlichkeit aufzuarbeiten?

Rita Carter: Unser gesamtes Verhalten – alles, was wir sagen, denken und glauben – ist Produkt unseres Gehirns. Ich bin überzeugt, wenn wir die Arbeitsweise des Gehirns verstehen, werden wir uns selbst besser verstehen und uns vielleicht besser miteinander umgehen. Soweit der praktische Aspekt.

Hinzu kommt, dass ich Hirnforschung für das spannendste aller Forschungsgebiete halte und die aktuellen Entdeckungen mit anderen Menschen teilen möchte. Die raschen Fortschritte der Hirnforschung machen es uns fast unmöglich, Schritt zu halten. Jeder Tag bringt neue, überraschende Entdeckungen und ich möchte, dass andere erfahren, welche aufregenden Dinge da geschehen.

Wir wissen beispielsweise inzwischen ziemlich genau, wie das Gehirn Emotionen und sogar differenzierte Gefühlsregungen wie Altruismus und romantische Liebe erzeugt. Ein bestimmter Typ von Hirnzellen, die Spiegelneuronen, werden nicht nur bei eigenen Emotionen aktiv, sondern auch dann, wenn wir diese Emotionen bei anderen Personen beobachten. Erleben wir, wie eine andere Person verletzt wird, feuern dieselben Spiegelneuronen, die auch bei unserer eigenen Verletzung ein Gefühl von Leid und Schmerz erzeugen würden, sodass wir diese Gefühle in abgeschwächter Form verspüren. Das heißt: indem wir die Emotionen anderer Menschen erkennen, fühlen wir automatisch mit ihnen. Wir verfügen also über eine Art „eingebaute“ Empathie.

Große Fortschritte hat auch die Erforschung des Gedächtnisses gemacht. Wir wissen heute, in welcher Form Erinnerungen gespeichert werden und wie unzuverlässig (gleichwohl hervorragend) das menschliche Erinnerungsvermögen ist. Durch Hirnscans kann man sogar ermitteln, ob eine Person gerade über ein tatsächliches Ereignis spricht, ob sie Dinge erfindet oder ob sie in dieser Frage unsicher ist.

All diese Erkenntnisse bringen weitreichende Konsequenzen für das Alltagsleben mit sich. Stellen Sie sich vor, man bräuchte Zeugen vor Gericht nur einen Helm aufzusetzen und könnte durch Gedankenlesen herausfinden, ob sie die Wahrheit sagen. Das ist keine Science Fiction mehr – ich bin überzeugt, so etwas wird in Zukunft möglich sein. Unser Problem ist der verantwortungsvolle Umgang mit dieser Möglichkeit.



In der Vorankündigung zu Ihrem Nürnberger Auftritt schildern Sie, wie das Gehirn aus den Informationen der Sinnesorgane bedeutungsvolle Wahrnehmungen konstruiert. Können Sie uns dazu einige Beispiele geben, die Ihnen im Laufe Ihrer Recherche begegnet sind?

Am eindrucksvollsten sind wohl die Wahrnehmungen, wie wir sie wir jeden Tag, zu jeder Sekunde konstruieren. Das Gehirn konstruiert unsere Umgebung so erfolgreich, dass wir überzeugt sind, in einer Welt aus Formen, Objekten, Farben, Geräuschen usw. zu leben, während in Wahrheit da draußen lediglich aus Moleküle, Wellen und Photonen sind. Meist geschieht dies so rasch und mühelos, dass wir gar nicht darüber nachdenken. Nur bei einer Störung der Hirnfunktion, etwa durch Drogen oder eine Psychose, bemerken wir, was geschieht.

Drogen wie LSD und psychoaktive Pilze rufen außergewöhnliche Erfahrungen hervor, etwa das Gefühl, dass die Zeit stillsteht oder dass die Betroffenen mit anderen Objekten verschmelzen. Diese Wahrnehmungen erscheinen so real, wie es die alltägliche Zeitwahrnehmung und die Erfahrung von separaten Gegenständen die meiste Zeit über für uns sind. Man spricht von Täuschungen und Wahnvorstellungen, in Wahrheit handelt es sich jedoch nur um eine andere Art, die Außenwelt zu konstruieren – so valide wie jede andere auch.

Wohl die meisten von uns haben schon einmal Dinge gesehen, die gar nicht da sind. Wenn wir in einer Menschenmenge unseren Partner vermuten, werden wir mit gewisser Wahrscheinlichkeit ein fremdes Gesicht für seines halten. Wir „projizieren“ unsere Überzeugungen und Hoffnungen auf die Welt und sehen, was wir wünschen oder erwarten.


Weiter erwähnen Sie, dass fehlerhafte Wahrnehmung der Ursprung von vielen abergläubischen Ideen und Vorurteilen ist. Wie schätzen Sie die Gefahren ein und wie können wirksame Gegenstrategien aussehen?

Nehmen wir an, Sie halten Ihr Gegenüber für aggressiv – vielleicht, weil er anders aussieht als Sie oder andere kulturspezifische Gewohnheiten hat. Dann werden Sie unwillkürlich bei ihm Aggression „wahrnehmen“. Mit hoher Wahrscheinlichkeit reagieren Sie abwehrend und rufen auf diese Weise in Ihrem Gegenüber aggressives Verhalten hervor – also eine selbsterfüllende Erwartung. Misstrauen und Aggression haben ihre Wurzeln größtenteils in solchen Mechanismen.

Im Lauf der Evolution hat unser Gehirn derartige Vorurteilsbildungen entwickelt, da sie einen Überlebensvorteil darstellten. Man kann sich leicht vorstellen, dass es in ferner Vergangenheit sicherer war, Fremden zu misstrauen und ihrem Angriff zuvorzukommen. In der modernen Gesellschaft bringen solche Mechanismen jedoch Probleme mit sich. Es liegt an uns, sie zu erkennen und ganz bewusst zu überwinden.



Zurzeit arbeiten Sie an einem neuen Buch über Hirnfunktion, Gene und Verhalten. Können Sie bereits mehr verraten?

Es häufen sich die Belege, dass genetische Faktoren immensen Einfluss auf das Verhalten jedes Individuums haben – sehr viel mehr, als man im 20. Jahrhundert annahm. Die Forschung über den genetischen Einfluss auf die Persönlichkeit macht ungeheure Fortschritte und einige dieser Forschungen stelle ich in meinem neuen Buch vor. Ich behaupte nicht, die Umgebung sei unwichtig – natürlich nicht. Doch das Zusammenwirken von Umwelt und Physiologie erweist sich als weitaus komplexer als vermutet. Mein Ziel ist zu zeigen, dass das, was wir sind, auf physische Faktoren zurückgeführt werden kann, und wie diese wiederum durch die Umgebung beeinflusst werden können.


Vielen Dank für das ausführliche Gespräch!



Science meets Comedy: Spuk im Hirn
Mit Rita Carter und Thomas Fraps
Freitag, 16. März 2012, 19.30 Uhr,
Nicolaus-Copernicus-Planetarium Nürnberg
Eintritt: € 12,- (erm.: 9.- für Schüler, Studierende sowie für turmdersinne-Förderkreis-Mitglieder und Mitarbeiter von Partnerunternehmen des turmdersinne).
Buchung online über das Bildungszentrum Nürnberg: Kurs-Nr. 00901.