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Freitag, 11. November 2011

"Geist im Turm": Das Weltbild der modernen Physik

“Geist im Turm“, die philosophische Gesprächsreihe des turmdersinne, hat sich in den letzten Jahren zu einer festen Institution etabliert. Einmal im Jahr, zum UNESCO-Welttag der Philosophie am dritten Donnerstag im November, lädt turmdersinne-Referent Helmut Fink einen Experten aus Philosophie, Wissenschaft oder Didaktik zur geistreichen Diskussion ein. Um Wahrnehmung, Wissen und Wissenschaft geht es dabei - um ihre Grundlagen und ihre Grenzen.
Heuer wartet "Geist im Turm" mit gleich zwei Neuerungen auf: Die Veranstaltung am 17.11.2011 findet, anders als gewohnt, nicht im Turm, sondern erstmals im Kuppelsaal des Nürnberger Planetariums statt - natürlich in gewohnt lockerer Atmosphäre. Zweitens folgt dem einführenden Gespräch ein kompakter Vortrag mit Diskussion.

Als Gesprächspartner begrüßt Helmut Fink den Physiker Prof. Dr. Peter Mittelstaedt aus Köln, einen ausgewiesenen Experten für Grundlagenfragen der modernen Physik. Mittelstaedt leitete über Jahrzehnte als Lehrstuhlinhaber eine Arbeitsgruppe zu Interpretationsfragen der Quantentheorie. Als Gastgeber internationaler Symposien, Herausgeber und Autor zahlreicher Fachbücher sowie als einer der führenden Vertreter der Quantenlogik ist er in der Fachwelt ein Begriff.

Die Besucher dürfen sich auf ein Gespräch mit breitem Themenspektrum freuen. Im Mittelpunkt werden nicht nur philosophische Fragen der Quantentheorie und Relativitätstheorie stehen, sondern auch Mittelstaedts Werdegang als Forscher und seine Erinnerungen an berühmte Kollegen wie Werner Heisenberg und Carl-Friedrich von Weizsäcker.

Im anschließenden Vortrag erläutert Mittelstaedt grundlegende philosophische Probleme der modernen Physik, wie etwa die mangelnde Anschaulichkeit quantenmechanischer Beschreibungen und das umstrittene Verhältnis von Quantentheorie und klassischer Physik.

Zur Einstimmung im Folgenden ein Auszug aus dem Vorab-Interview, das Helmut Fink mit Peter Mittelstaedt für den turmdersinne-Newsletter SinnesOrgan führte:

Ihre frühesten Arbeiten behandeln Themen der Kernphysik. Was hat Ihren Wechsel hin zu den reinen Grundlagenfragen ausgelöst?

Peter Mittelstaedt: Mein Interesse an Grundlagenfragen war schon zu Beginn meines Studiums vorhanden. Ich habe mich daher parallel sowohl für Grundlagen der Physik als auch für Kernphysik interessiert.

In Kernphysik habe ich meine Diplomarbeit geschrieben (1954) und meine Doktorarbeit (1956). Die erste Publikation im Bereich der Grundlagen über „Quantenlogik“ erschien 1959. Ich habe dann viele Jahre beide Gebiete parallel bearbeitet und die Beschäftigung mit Kernphysik erst 1970 beendet.

In den 50er Jahren war Kernphysik ein sehr interessantes Gebiet, das weltweit von bedeutenden Wissenschaftlern bearbeitet wurde, später verlor es allmählich diesen privilegierten Status. Ein „Wechsel“ hat daher nicht stattgefunden.

Sie haben in den 50er Jahren bei Werner Heisenberg gearbeitet, der mit Niels Bohr zusammen die sogenannte Kopenhagener Deutung der Quantentheorie entwickelt hat. Was halten Sie von dieser Deutung?

Diese Deutung war in den 50er Jahren schon fast Vergangenheit und wurde nur von wenigen bekämpft. Sie war nicht positivistisch, nicht idealistisch, wie ihr oft besonders von Marxisten vorgeworfen wurde, sondern eine sehr einfache instrumentalistische Beschreibung der Quantentheorie, die keine wirklich neuen Erkenntnisse geliefert hat.

In Schulbüchern wird immer wieder der Welle-Teilchen-Dualismus betont. Ist das ein guter Ansatz, um die Quantentheorie zu verstehen?

Nein, denn der vermeintliche Dualismus hat lange Zeit das Verständnis der Komplementarität und der Unschärferelation im individuellen Fall erschwert und behindert.

Gibt es eine besondere Rolle des Beobachters in der Quantenphysik?

Nein, denn der Beobachter ist in allen Bereichen der Physik, besonders in der modernen Physik, von großer Bedeutung. Er wird nur meistens nicht besonders thematisiert.

Was halten Sie von der Vielwelteninterpretation der Quantentheorie?

Sehr viel, denn die Vielwelteninterpretation ist das genaue Abbild der konkret vorliegenden Quantentheorie der Messung im Sinne von Johann von Neumann. Sie ist keine alternative Deutung der Quantentheorie, sondern nur ein prägnanter Ausdruck für das, was die Quantentheorie aussagt, und was die Interpretation der Theorie eigentlich nur hätte hervorheben müssen, es aber vor Everett und Wheeler nicht tat.

Welche Erkenntnis der modernen Physik hat Sie am meisten überrascht?

Da physikalische Erkenntnisse nicht vom Himmel fallen, sondern sich über viele Jahre allmählich anbahnen, habe ich neue Erkenntnisse nie als Überraschung erlebt.

Fragen: Helmut Fink

Donnerstag, 17.11.2011, 19.30 Uhr
Geist im Turm: Das Weltbild der modernen Physik - Relativitätstheorie, Quantentheorie und ihre realistische Interpretation.
Kooperationsveranstaltung turmdersinne/Nicolaus-Copernicus-Planetarium

Karten: 7,- €/erm. 5,- €, Vorverkauf über das Bildungszentrum Nürnberg (Kurs 00874) oder an der Abendkasse.
Kontakt: Helmut Fink, Tel. 0911-944328 oder per Mail.

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