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Dienstag, 29. November 2011

Kuratorenführung durch die Sonderausstellung

Am kommenden Freitag, 2. Dezember 2011, bietet das Museum turmdersinne noch einmal die Gelegenheit die aktuelle Sonderausstellung "Einsichten" in einer Führung kennenzulernen. Durch die Ausstellung führt Jana Marks, die gemeinsam mit Claudia Muth das Konzept entwickelt hat.

Die Ausstellung mit dem Untertitel "Künstlerische Perspektiven auf Wahrnehmungsmechanismen" versammelt noch bis 9. Januar 2012 ein breites Spektrum an Malerei, new media art, digitale Fotografie und Lichtkunst.

Während die Bilder der Nachwuchskünstlerin Julia Brielmann an die Op-Art der 1960er Jahre erinnern, widmet sich Akbar Akbarpour mit seinen pastosen Ölgemälden der menschlichen Gestalt. Jedoch nicht, um sie naturalistisch abzubilden, sondern um ihren inneren Ausdruck zu erforschen.

Neugierde gegenüber optischen Phänomenen weckt die interaktive Installation "Licht//spiel" von Anja Kurz, die zum Ausprobieren von Phänomenen wie Lichtbrechung, Streuung und Reflexion einlädt.

Die Fotografin Lisa Lütjens hat mit der Kamera Momente und Details festgehalten, die dem Auge normalerweise verborgen bleiben. Dabei durchbricht sie nicht selten die Grenze der Erkennbarkeit und fordert so die Wahrnehmung des Betrachters heraus.

Jochen Kuhn und Marc Böttler sind mit zwei sehr unterschiedlichen Animationsfilmen vertreten. Während Kuhn, Professor an der Ludwigsburger Filmakademie, die Skizzen für seinen Kurzfilm "Neulich 2" direkt unter der Kamera gezeichnet hat, entstand Marc Böttlers Musikanimation "Grapes" komplett am Computer. Abgerundet wird die Ausstellung mit einem Dokumentarfilm über den südafrikanischen Künstler William Kentridge.

Bei aller Vielfalt ist den gezeigten Kunstwerken dennoch eines gemein, wie die Ausstellungsmacherinnen erläutern:
Alle Arbeiten spielen mit unserer Wahrnehmung, indem sie stets ihre eigene Erkennbarkeit in Frage stellen. So führen die Künstler mittels Dekonstruktion, Perspektive, Bewegung, Licht und Abstraktion die menschliche Wahrnehmung an ihre Grenzen. Wer sich den Herausforderungen stellt und sich auf das Spiel mit der Mehrdeutigkeit einlässt, wird mit einer Einsicht belohnt – sei es in Form eines Erkennens auf der Wahrnehmungsebene oder einer reflexiven Einsicht in eigene Wahrnehmungsmechanismen.

Kuratorenführung mit Jana Marks:
Freitag, 02.12.2011, 18 Uhr,
Hands-on-Mueum turmdersinne am Westtor (Spittlertorgraben/Ecke Mohrengasse), 90429 Nürnberg.
Der Preis für die Sonderausstellung ist im Museumseintritt inbegriffen.

Um Voranmeldung wird gebeten:
Tel. 0911 / 944 32 81,
E-Mail: info@turmdersinne.de.

Inge Hüsgen



Montag, 28. November 2011

Tom Troscianko 1953-2011

Der Psychologe und Wahrnehmungsforscher Tom Troscianko ist am 16. November 2011 in Amsterdam verstorben. Er befand sich auf der Reise zu einem Vortrag in Mainz.

Troscianko war Professor für experimentelle Psychologie an der Universität Bristol (England). Im März diesen Jahres stand er als gefeierter Referent bei der Veranstaltung „Science meets Coemdy“ im Rahmen der Nürnberger brainWEEK auf der Bühne.

Vor dem Physikstudium war Tom Troscianko zunächst als Techniker tätig. Nach seiner Promotion über Fragen der visuellen Wahrnehmung und der Optometrie ging er 1978 an die Universität Bristol, wo er zunächst bei Richard Gregory Forschungen über Sehsinn und Gehör des Menschen durchführte.

Zu  seinen späteren Forschungsgebieten gehörten unter anderem der Einfluss der natürlichen Umgebung auf die Organisation des Gehirns und die Wahrnehmung von Farben. Ferner wirkte Troscianko an der Entwicklung künstlicher Sehsysteme für Roboter mit und erstellte ein Computermodell der Wahrnehmung von Unterschieden zwischen Bildern. Auf seine Initiative geht auch die Gründung des Bristol Vision Institute zurück, einer interdisziplinären Einrichtung zur Erforschung der visuellen Wahrnehmung.

Es war ein besonderes Anliegen Trosciankos, der Öffentlichkeit die Faszination und den Spaß an neuen Erkenntnissen zu vermitteln. In einem Interview mit dem turmdersinne-Newsletter SinnesOrgan 2010 sagte er dazu:
„Es gehört zu den großen Freuden des Lebens zu begreifen, dass man nicht ernst sein muss, um über ernste und wichtige Themen zu sprechen. Und doch hat sich die Wissenschaft aus irgendeinem seltsamen Grund lange Zeit von diesem Gebiet ferngehalten. Vielleicht fürchten wir, dass die Regierung unsere Forschungsgelder streicht, wenn wir keinen ernsthaften Eindruck machen. Dennoch müssen wir begreifen, dass unsere Arbeit nicht an Wert verliert, wenn sie mit Humor präsentiert wird.”
Das turmdersinne-Team hat bestürzt auf die überraschende Todesnachricht reagiert:
"Wir haben Tom Troscianko als umtriebigen und inspirierenden Wissenschaftler kennengelernt, der das Nürnberger Publikum in seinen Bann gezogen hatte. Für viele war Tom Troscianko eine 'Seele' der percepition community, die ihn schmerzlich vermissen werden. Unser aufrichtiges Mitgefühl gilt seinen Angehörigen und Freunden."
so turmdersinne-Geschäftsführer Rainer Rosenzweig.


Inge Hüsgen

  • Nachruf von Prof. Ian Gilchrist, Neuropsychologe

Sonntag, 20. November 2011

Geschenktipp: Symposiumsband "Mann, Frau, Gehirn"



Einen richtigen Kerl, den erkennt man am gekonnten Einparkmanöver. Und wenn der Schuhschrank überfüllt ist, was kann die Besitzerin dafür? So sind Frauen nun mal. Oder etwa nicht?! Mit Gemeinplätzen über angeblich angeborene Unterschiede von Männer- und Frauenhirn hat das Autorenduo Allan und Barbara Pease Millionenauflagen erzielt. Genau dieselben Differenzen werden von der Genderforschung pauschal auf kulturellen Einfluss zurückgeführt - und die Öffentlichkeit verfolgt die Debatte gespannt.

Was Psychologen und Naturwissenschaftler über männliches und weibliches Denken herausgefunden haben, war Thema des Symposiums turmdersinne 2010 - das übrigens mehr Besucher anzog als jede Vorgängerveranstaltung.

In diesen Tagen ist in bewährter turmdersinne-Tradition der Band mit den gesammelten Referentenbeiträgen zum Nachlesen erschienen. Wie schon das Symposium verschafft das kompakte 174-Seiten-Buch einen runden  "Gesamteindruck von den natürlichen Unterschieden zwischen den Geschlechtern, ihrer Entstehung, ihren Auswirkungen und ihrer kulturellen Verarbeitung", so Mitherausgeber Helmut Fink in seiner Einleitung.
Von der Neurowissenschaft über die Humanbiologie und Medizin bis zur Psychologie spannt sich der Bogen, auch Evolutionsbiologie und Primatologie tragen zum Gesamtbild bei.

Aus dem Inhalt:
  • Onur Güntürkün (Biopsychologe): Gehirn und Geschlecht. Inwiefern unterscheiden sich Männer und Frauen in Gehirnstruktur und -funktion?
  • Karl Grammer, Elisabeth Oberzaucher (Humanethologen), Iris J. Holzleitner (Anthropologin) : Sexy Gehirne. Evolution, Hormone und Denken.
  • Elisabeth Oberzaucher, Anna Maria Keber: Immer der Nase nach. Wie Gerüche unser Denken beeinflussen.
  • Paul-Martin Holterhus: Intersexualität. Gene, Hormone und Geschlecht.
  • Claudia Quaiser-Pohl: Psychologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Fakten, Irrtümer, Erklärungsansätze.
  • Petra Jansen: Zwischen Mythos und Realität. Geschlechtsunterschiede in den räumlichen Fähigkeiten.
  • Ferdinand Knauß: Das Tabu der Gender-Theorie. Geisteswissenschaftliche Geschlechterforschug und die Biologie.
  • Johannes Johow, Eckart Voland: Das geteilte Leben. Evolutionäre Gründe der Geschlechterdifferenz.
  • Volker Sommer: Mann und Frau als Männchen und Weibchen. Sexualbiologie bei Primaten.
Abgerundet wird der Band durch ein Glossar der verwendeten Fachbegriffe.


Helmut Fink, Rainer Rosenzweig (Hrsg.):
Mann, Frau, Gehirn. Geschlechterdifferenz und Neurowissenschaft.
mentis Verlag, Paderborn 2011, € 29,80, ISBN: 978-3-89785-759-6

Mehr zum Symposium turmdersinne 2010:
Inge Hüsgen

Freitag, 11. November 2011

"Geist im Turm": Das Weltbild der modernen Physik

“Geist im Turm“, die philosophische Gesprächsreihe des turmdersinne, hat sich in den letzten Jahren zu einer festen Institution etabliert. Einmal im Jahr, zum UNESCO-Welttag der Philosophie am dritten Donnerstag im November, lädt turmdersinne-Referent Helmut Fink einen Experten aus Philosophie, Wissenschaft oder Didaktik zur geistreichen Diskussion ein. Um Wahrnehmung, Wissen und Wissenschaft geht es dabei - um ihre Grundlagen und ihre Grenzen.
Heuer wartet "Geist im Turm" mit gleich zwei Neuerungen auf: Die Veranstaltung am 17.11.2011 findet, anders als gewohnt, nicht im Turm, sondern erstmals im Kuppelsaal des Nürnberger Planetariums statt - natürlich in gewohnt lockerer Atmosphäre. Zweitens folgt dem einführenden Gespräch ein kompakter Vortrag mit Diskussion.

Als Gesprächspartner begrüßt Helmut Fink den Physiker Prof. Dr. Peter Mittelstaedt aus Köln, einen ausgewiesenen Experten für Grundlagenfragen der modernen Physik. Mittelstaedt leitete über Jahrzehnte als Lehrstuhlinhaber eine Arbeitsgruppe zu Interpretationsfragen der Quantentheorie. Als Gastgeber internationaler Symposien, Herausgeber und Autor zahlreicher Fachbücher sowie als einer der führenden Vertreter der Quantenlogik ist er in der Fachwelt ein Begriff.

Die Besucher dürfen sich auf ein Gespräch mit breitem Themenspektrum freuen. Im Mittelpunkt werden nicht nur philosophische Fragen der Quantentheorie und Relativitätstheorie stehen, sondern auch Mittelstaedts Werdegang als Forscher und seine Erinnerungen an berühmte Kollegen wie Werner Heisenberg und Carl-Friedrich von Weizsäcker.

Im anschließenden Vortrag erläutert Mittelstaedt grundlegende philosophische Probleme der modernen Physik, wie etwa die mangelnde Anschaulichkeit quantenmechanischer Beschreibungen und das umstrittene Verhältnis von Quantentheorie und klassischer Physik.

Zur Einstimmung im Folgenden ein Auszug aus dem Vorab-Interview, das Helmut Fink mit Peter Mittelstaedt für den turmdersinne-Newsletter SinnesOrgan führte:

Ihre frühesten Arbeiten behandeln Themen der Kernphysik. Was hat Ihren Wechsel hin zu den reinen Grundlagenfragen ausgelöst?

Peter Mittelstaedt: Mein Interesse an Grundlagenfragen war schon zu Beginn meines Studiums vorhanden. Ich habe mich daher parallel sowohl für Grundlagen der Physik als auch für Kernphysik interessiert.

In Kernphysik habe ich meine Diplomarbeit geschrieben (1954) und meine Doktorarbeit (1956). Die erste Publikation im Bereich der Grundlagen über „Quantenlogik“ erschien 1959. Ich habe dann viele Jahre beide Gebiete parallel bearbeitet und die Beschäftigung mit Kernphysik erst 1970 beendet.

In den 50er Jahren war Kernphysik ein sehr interessantes Gebiet, das weltweit von bedeutenden Wissenschaftlern bearbeitet wurde, später verlor es allmählich diesen privilegierten Status. Ein „Wechsel“ hat daher nicht stattgefunden.

Sie haben in den 50er Jahren bei Werner Heisenberg gearbeitet, der mit Niels Bohr zusammen die sogenannte Kopenhagener Deutung der Quantentheorie entwickelt hat. Was halten Sie von dieser Deutung?

Diese Deutung war in den 50er Jahren schon fast Vergangenheit und wurde nur von wenigen bekämpft. Sie war nicht positivistisch, nicht idealistisch, wie ihr oft besonders von Marxisten vorgeworfen wurde, sondern eine sehr einfache instrumentalistische Beschreibung der Quantentheorie, die keine wirklich neuen Erkenntnisse geliefert hat.

In Schulbüchern wird immer wieder der Welle-Teilchen-Dualismus betont. Ist das ein guter Ansatz, um die Quantentheorie zu verstehen?

Nein, denn der vermeintliche Dualismus hat lange Zeit das Verständnis der Komplementarität und der Unschärferelation im individuellen Fall erschwert und behindert.

Gibt es eine besondere Rolle des Beobachters in der Quantenphysik?

Nein, denn der Beobachter ist in allen Bereichen der Physik, besonders in der modernen Physik, von großer Bedeutung. Er wird nur meistens nicht besonders thematisiert.

Was halten Sie von der Vielwelteninterpretation der Quantentheorie?

Sehr viel, denn die Vielwelteninterpretation ist das genaue Abbild der konkret vorliegenden Quantentheorie der Messung im Sinne von Johann von Neumann. Sie ist keine alternative Deutung der Quantentheorie, sondern nur ein prägnanter Ausdruck für das, was die Quantentheorie aussagt, und was die Interpretation der Theorie eigentlich nur hätte hervorheben müssen, es aber vor Everett und Wheeler nicht tat.

Welche Erkenntnis der modernen Physik hat Sie am meisten überrascht?

Da physikalische Erkenntnisse nicht vom Himmel fallen, sondern sich über viele Jahre allmählich anbahnen, habe ich neue Erkenntnisse nie als Überraschung erlebt.

Fragen: Helmut Fink

Donnerstag, 17.11.2011, 19.30 Uhr
Geist im Turm: Das Weltbild der modernen Physik - Relativitätstheorie, Quantentheorie und ihre realistische Interpretation.
Kooperationsveranstaltung turmdersinne/Nicolaus-Copernicus-Planetarium

Karten: 7,- €/erm. 5,- €, Vorverkauf über das Bildungszentrum Nürnberg (Kurs 00874) oder an der Abendkasse.
Kontakt: Helmut Fink, Tel. 0911-944328 oder per Mail.