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Dienstag, 18. Oktober 2011

Symposiums-Nachlese

Dass unser Verhalten entscheidend vom Gehirn kontrolliert wird, zeigte nicht erst die "Frau ohne Angst", über die wir hier berichtet haben. Forschungsgeschichte schrieb im 19. Jahrhundert der Fall des Bahnarbeiters Phineas Gage, der nach einer schweren Hirnverletzung von einem umgänglichen zu einem impulsiven, unzuverlässigen Menschen wurde. Eine Veränderung hin zur Kriminalität dokumentiert der Bericht über einen Patienten, der gleichzeitig mit einem Hirntumor pädophile Neigungen entwickelte. Nach Entfernung des Tumors verschwand auch das pädophile Verhalten.

Wenn das Gehirn Menschen zu Verbrechern macht, steht die Rechtsprechung vor einem Problem. Darf eine Gesellschaft Kriminelle auch dann bestrafen, wenn sie gar nicht anders konnten, als die Tat begehen? Wie ist es dann um den freien Willen bestellt – immerhin eine Grundlage unserer Rechtsprechung? Müssen wir unser Strafrecht an den Stand der Forschung anpassen?

Um Fragen wie diese ging es auf dem Symposium turmdersinne 2011, das am Wochenende vor ausverkauftem Haus im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg stattfand. Die ausführlichen Diskussionen können jedoch an dieser Stelle nur angerissen werden. Zur Vertiefung seien die Vortragsfolien der Referenten empfohlen. 

Auf der einen Seite stehen Hirnforscher und Neurobiologen - Wissenschaftler, die sich längst vom Konzept des freien Willens verabschiedet haben. „Der freie Wille ist eine Illusion“, konstatiert etwa Gerhard Roth, der mit einem ausführlichen Vortrag am Freitagabend in die Thematik einführte.

Entsprechend kritisch beurteilt er die gängige Strafpraxis. Das vielfach praktizierte Wegschließen von Tätern sei wegen der immensen Kosten und der hohen Rückfallquoten nur als Mittel letzter Wahl akzeptabel. Statt dessen forderte Roth erheblich mehr Raum für Therapiemaßnahmen, wie die Früherkennung von gefährdeten Kindern und psychosoziale Präventionsmaßnahmen, deren bisherige Ergebnisse er positiv beurteilt. Für andere Maßnahmen, wie Psychotherapien und Anti-Gewalttraining, werden zwar unterschiedliche Erfolgsquoten genannt, insgesamt ist Roth jedoch überzeugt: „Jeder Schwerverbrecher in einem gewissen Maß therapierbar."

Eine grundlegende Reform des Strafrechts wird auch von einem weiteren Referenten, dem Psychologen Hans J. Markowitsch, gefordert. Doch nur zögernd finden diese Überlegungen Eingang ins Strafrecht. Zwar berücksichtigt die Rechtsprechung hirnphysiologische Ursachen für Straftaten. Dass dies nur in bestimmten Fällen geschieht, während in anderen Motive und Charakter als Ursache betrachtet werden, kritisierte  die Rechtswissenschaftlerin Grischa Merkel. Mentale Zustände lassen sich auf Gehirnaktivitäten zurückführen und seien damit physikalisch erklärbar und eingebunden in Ursachenzusammenhänge, argumentierte Merkel. Jede menschliche Persönlichkeit werde durch Genetik, Erfahrungen  und letztlich durch Zufallsprozesse festgelegt. Warum also solle das Gehirn nur bei einer Sorte von Tätern Ursache sein?

Ob die Debatte um die Willensfreiheit einen tragfähigen Schuldbegriff hinterlässt - wie es der Moderator Helmut Fink in der abschließenden Podiumsdiskussion formulierte - diese Frage blieb unte den geladenen Fachleuten indes umstritten.

Der Jurist und Philosoph Michel Friedman betrachtet den freien Willen als eine Art modernes Wohlfühl-Konstrukt, das bei Beurteilenden den Rachegedanken abgelöst hat. Wer einen anderen zur Verantwortung zieht, übt eine Form von Macht aus, so Friedman. Die Postulierung des freien Willens solle dafür sorgen, dass man sich dabei gut fühlt. Am Konzept der Verantwortung hält Friedman fest, doch besteht nach seiner Ansicht keine Notwendigkeit, Verantwortung in ein Konzept des freien Willens einzubinden.

Weiter plädierte Friedman für eine Streichung des Wortes Schuld aus dem Strafrecht. Auch Hans Markowitsch distanzierte sich deutlich von diesem Begriff. Seine Argumentation: Jeder Mensch ist determiniert durch genetische Anlagen, Umwelteinflüsse, Lebenssituation, Zufall. Folglich ist es unsinnig, bei Straftaten von Schuld zu sprechen. Der Delinquent musste handeln wie er es tat, weil er keine Handlungsalternative hatte. Wenn aber niemand schuldfähig im bisher gültigen juristischen Sinn sein kann, brauchen wir eine gründliche Reform des Rechtssystems und einen anderen Umgang mit Straftätern.

Mit der Unterscheidung zwischen schuldfähig und schuldunfähig stellte der Philosoph Ansgar Beckermann ein anderes Konzept zur Diskussion. Demnach sei es unfair, alle Rechtsbrecher gleich zu bestrafen. Unwissentliche Täter - wie Ödipus, der ahnungslos Inzest beging - müssten anders behandelt werden. Das Gleiche gelte für krankhaft Schuldunfähige. Derartige Differenzierungen müssten wir, so Beckermann, als Kulturleistung erhalten.

Sicher, vom übergreifenden Konsens in Frgen zu Verantwortung und Willensfreiheit ist die Fachwelt noch weit entfernt. Das Symposium vermittelte jedoch einen umfassenden Überblick über die unterchiedlichen Positionen und Argumente.

Schon jetzt vormerken: Symposium turmdersinne 2012. Unter dem Titel „Das Tier im Menschen“ stehen dann Triebe, Reize, Reaktionen im Zentrum der Debatte. Die Veranstaltung findet im Oktober 2012 statt, Progamm und genaue Termine werden noch bekanntgegeben.
Anmeldung ab Frühling 2012, aktuelle Informationen hier oder bei Twitter, Hashtag #symp2012

Inge Hüsgen

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