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Montag, 9. Mai 2011

Unser Gehirn erfindet die Wirklichkeit

Sehforscher Michael Bach am 17. Mai in Nürnberg

Einer der aktivsten und umtriebigsten visuellen Wahrnehmungsforscher aus dem deutschsprachigen Raum ist am 17. Mai in Nürnberg zu Gast: Professor Michael Bach, Leiter der Sektion Funktionelle Sehforschung/Elektrophysiologie an der Augenklinik im Universitätsklinikum Freiburg, stellt im Nürnberger Planetarium u.a. neue Wahrnehmungsphänomene vor, die eine Woche vorher beim internationalen „Best visual illusion contest“ in Naples, Florida, prämiert wurden.

Der turmdersinne sprach im Vorfeld mit Michael Bach.

turmdersinne: Herr Professor Bach, Sie vertreten die Ansicht, Wahrnehmungstäuschungen seien nicht als Fehlleistungen, sondern als seltene Ausnahmen in atypischen Situationen zu betrachten. Können wir uns also normalerweise auf unsere Sinne verlassen?

Michael Bach: Genau, wir können uns „normalerweise“ auf unsere Sinne sehr gut verlassen, vor allem wenn man sich klar macht, dass aus unvollständigen Informationen eine „innere Welt“ aufgebaut wird. Diese innere Repräsentation ist so brauchbar, dass wir damit zum Beispiel einen mit Möbeln vollgestellten Raum erfolgreich durchqueren können, auch wenn man den Weg im Detail vorher nur teilweise einsehen kann. Nur bei atypischen Situationen kann das schiefgehen.

Wie sind diese atypischen Situationen gekennzeichnet?

Es sind Umgebungen, für die die Evolution unsere Sinnessysteme nicht entwickelt hat. Ein Beispiel: Ohne künstlichen Horizont kann ein Flugkapitän die Lage des Flugzeugs bei ungünstigen Sichtbedingungen nicht beurteilen.

Wie kommt es zu diesen Ausnahmeerscheinungen, den „Täuschungen“?

Ich glaube nicht, dass man eine pauschale Erklärung geben kann, die für alle Täuschungen gilt. Aber für viele gilt: Sie treten dann auf, wenn die „wahre“ Konfiguration sehr unwahrscheinlich ist. Ein Beispiel sind Hohlmasken, bei denen es nicht gelingt, ihre konkave Form zu erkennen: Im Leben trifft man eben selten auf (sichtbar) hohle Köpfe...

Am 9. Mai wurde im „Philharmonic Centre for the Arts“ in Naples, Florida der diesjährige "Best visual illusion"-Preis prämiert. In Ihrem Vortrag werden Sie ja einige neue Beiträge vorstellen und diskutieren. Können Sie – auch im Vergleich zu den Vorjahren – einen Forschungstrend erkennen? In welche Richtung verläuft dieser?

Ein Punkt fällt mir immer wieder auf: Wirklich Neues gibt es nur alle paar Jahre. Vieles ist Variation von Bekanntem, was aber trotzdem sehr gut sein kann, wenn es das Phänomen besonders deutlich herausarbeitet. Zum Beispiel war der sehr schöne 1. Platz vom letzten Jahr im Grunde eine Variation der „Pausenberger-Rinne“. (Anm. d. Red.: Exponat in der Wanderausstellung tourdersinne, erstmals ausführlich beschrieben durch turmdersinne-Mitarbeiter Rudolf Pausenberger 2004. Modell hier).
Derzeit laufen viele sehr verschiedene Projekte, von klinischen Fragestellungen über Methodikentwicklung bis zur Grundlagen-Sehforschung. Zur Wahrnehmung, die hier ja interessiert, stehen derzeit „Kipp-Vorgänge“ bei mehrdeutigen Reizvorlagen im Vordergrund: Einerseits verweise ich auf Arbeiten meines früheren Mitarbeiters Dr. Jürgen Kornmeier: Er hat spannende Experimente entwickelt und durchgeführt, die Abläufe im Gehirn aufzeigen, wie sie bei spontanen und induzierten Kipp-Vorgängen beim Necker-Würfel (hier ein Beispiel) auftreten, und diese dann mit dem EEG verfolgt. Zum anderen fiel mir auf, dass menschliche Silhouetten sehr viel seltener in der Wahrnehmung kippen als z.B. der Neckerwürfel (hier ein Beispiel).

Um dies zu untersuchen, habe ich gerade eine Programmumgebung für die Silhouetten-Präsentation von 3D-Modellen geschrieben. Eine Doktorandin wird nun beginnen, die Kipprate bei verschiedenen Silhouetten zu vergleichen. Zunächst wollen wir prüfen, ob das ein konsistenter Befund ist. Wenn ja, wollen wir ermitteln, woran genau das liegt.

Auf Ihrer Internetseite stellen Sie eine der umfangreichsten Sammlungen visueller Illusionen zur Verfügung. Verfolgen Sie mit dieser Webseite ein eher wissenschaftliches Ziel oder geht es Ihnen mehr um Popularisierung?

Eine Mischung, oder besser: einen Brückenschlag zwischen beidem. Ein richtiges wissenschaftliches Experiment ist viel langweiliger und braucht viel Durchhaltevermögen. Einige Phänomene habe ich so gebaut, dass man damit schöne Schülerexperimente durchführen kann. Das ist auch schon gemacht worden. Oft werden meine Demonstrationen als Anschauungsmaterial im Biologieunterricht oder in Vorlesungen eingesetzt. Mein Anliegen ist vor allem, vom naiven Staunen zu einem wenigstens etwas vertieften Verständnis zu kommen. Es ist doch toll, wenn man wirklich versteht warum sich Wagenräder im Kino rückwärts drehen können, warum auf Zielphotos von Radrennen die Speichen manchmal ganz verbogen aussehen (Rogets Palisaden-Täuschung)oder warum man nach längerer Autobahnfahrt (nicht dass ich für Autofahren wäre…) auf der Abbiegeschleife viel zu schnell fährt (Bewegungsadaptation).

Wenn man solche Prinzipien erkennt, dann entzaubert das nicht etwa die Welt, vielmehr nimmt die Freude über die Schönheit der Natur nur zu.

Fragen: Dr. Rainer Rosenzweig


Im Überblick:
Dienstag, 17. Mai 2011, 19 Uhr, Planetarium Nürnberg:
Prof. Dr. Michael Bach
Unser Gehirn erfindet die Wirklichkeit – meist sehr treffend
Beispiele vom internationalen „Best visual illusion contest“
Online-Anmeldung über das Bildungszentrum Nürnberg, Kurs-Nr.: 00861.
Kartenverkauf an der Abendkasse, solange der Vorrat reicht.



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