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Samstag, 19. Februar 2011

Moral auf der Zunge

Werden demnächst Bitter-Lemon-Getränke aus den Gerichtskantinen verbannt? Angesichts einer aktuellen amerikanischen Studie möchte man fast dazu raten. Denn demnach fällen wir mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge deutlich strengere moralische Urteile als beim Genuss von süßen oder neutralen Lebensmitteln. Wissenschaftler hatten einen solchen Zusammenhang bereits seit längerem vermutet. Nun gelang Kendall Eskine und seinem Team von der City University of New York erstmals der experimentelle Nachweis.

Im Versuch gaben die Forscher ihren 57 Probanden - 41 Frauen und 16 Männern - kurze Texte über moralische Verfehlungen zu lesen. Darin ging es beispielsweise um einen Mann, der seinen verstorbenen Hund verspeist. Oder um Sex zwischen Cousins zweiten Grades. Diese Verhaltensweisen sollten die Versuchspersonen auf einer Skala von „überhaupt nicht moralisch falsch“ bis „extrem moralisch falsch“ einordnen. Währenddessen wurden Getränke gereicht: eine Probandengruppe bekam eine süße Flüssigkeit, die zweite eine bittere, die dritte neutral schmeckendes Wasser. Es zeigte sich, dass nach dem bitteren Trunk die Urteile signifikant strenger ausfielen als in den beiden anderen Gruppen. Übrigens trat der Effekt bei Probanden mit politisch konservativer Einstellung deutlicher zu Tage als bei Liberalen.

Eskine und seine Koautoren werten die Studie als Bestätigung dafür, dass abstrakte Vorstellungen wie Moral an körperlich-sensorische Eindrücke gekoppelt sind. Die strengen Urteile sind demnach wenigstens zum Teil auf das körperliches Ekelgefühl durch den bitteren Geschmack zurückführen. Für den Geruchssinn ist eine vergleichbare Wirkung bereits seit längerem bekannt, so führt etwa penetranter Toilettenmief ebenfalls zu härteren Urteilen in Fragen der Moral.

Inge Hüsgen

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