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Freitag, 14. Januar 2011

Harte Kerle, zarte Weiblichkeit

Der Tastsinn bestimmt, ob wir ein geschlechtsneutrales Gesicht als männlich oder weiblich empfinden: Spüren die Finger eine harte Oberfläche, wird das Gesicht eher als männlich identifiziert. Dagegen neigen wir bei einem weichen Tastreiz dazu, Gesichter als weiblich wahrzunehmen. Was sich liest wie ein Klischee aus der Mottenkiste, ist Ergebnis eines aktuellen Experiments - das in seiner Klarheit sogar den Versuchsleiter Michael Slepian von der Tufts University (Medford, USA) überraschte: „Es ist bemerkenswert, dass allein das Gefühl, etwas Hartes oder Weiches zu benutzen, die Einschätzung von Gesichtern beeinflusst", so der Psychologe, dessen Studie in demächst im Fachjournal Psychological Science erscheint. Nach seiner Ansicht wirft der Versuch ein Licht darauf, inwieweit körperliche Signale die Anwendung von sozialen Kategorien wie dem Geschlecht beeinflussen.

In ihrem Experiment gaben die Forscher den 70 Probanden jeweils einen harten oder weichen Ball in die Hand, den sie regelmäßig drücken sollten. Dann sollten sie auf einem Monitor Bilder von Gesichtern betrachten und entscheiden, ob es sich eher um männliche oder weibliche Antlitze handelte. Allerdings lieferte das Anschauen keinerlei Hinweise auf die richtige Antwort, denn bei allen Bildern waren die geschlechtstypischen Merkmale durch digitale Bildbearbeitung entfernt worden.

Dennoch zögerten die Probanden nicht mit ihren Antworten. Wer einen harten Ball bekommen hatte, stufte die Gesichter tendenziell als männlich ein, während Probanden mit einem weichen Ball in der Hand sie eher als weiblich empfanden.

Dazu passt das Ergebnis eines anschließenden Versuchs, den Slepian mit einer neuen Gruppe von 48 Probanden durchführte. Diese sollten nicht sagen, sondern aufschreiben, welchem Geschlecht sie die Gesichter auf dem Bildschirm zuordneten. Dafür bekamen sie Stifte und Zettel mit Durchschlagpapier. Eine Gruppe wurde angewiesen, den Stift besonders hart aufzusetzen - damit der Durchschlag deutlich lesbar wird, hieß es. Die andere Gruppe sollte mit normalem Druck schreiben - angeblich, damit das Durchschlagpapier danach weiter verwendet werden könne. Und siehe da: wer hart aufdrückte, identifizierte die Gesichter überwiegend als männlich, während die normal Schreibenden eher weibliche Gesichter wahrnahmen.

Inge Hüsgen

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