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Freitag, 24. Dezember 2010

Ein Leben ganz ohne Angst

Horrorfilme findet sie bestenfalls interessant und beim Besuch in einem „Spukhaus“ beginnt sie mit den Monstern zu plaudern. Spinnen und Schlangen, vor denen sie sich früher fürchtete, berührt sie heute mit bloßen Händen. Die 44-Jährige mit dem Pseudonym S.M. hat jedes Angstgefühl verloren.

S.M. leidet am Urbach-Wiethe-Syndrom, einer sehr seltenen Erkrankung, die einen Teil ihres Gehirns zerstört hat. Die Amygdala, auch als „Mandelkern“ bekannt, gilt schon seit Längerem als die Hirnregion, wo  Angst entsteht. Mit Hilfe von S.M. konnten amerikanische Forscher diese These jetzt erstmals belegen.

Für seine Studie, veröffentlicht in der renommierten Zeitschrift Current Biology, wertete das Team um Justin Feinstein (University of Iowa) ein Tagebuch der Patientin aus und konfrontierte sie in weiteren Untersuchungen mit typischen Angstsituationen. Dabei zeigte sich, dass S. M. zwar Freude, Wut und Trauer empfindet, nicht aber Angst. So weit es sich rekonstruieren lässt, riefen nicht einmal traumatische, lebensbedrohliche Erlebnisse wie häusliche Gewalt in S. Ms.  jüngerer Vergangenheit bei ihr eine Angstreaktion hervor, obgleich sie sich an Angstempfindungen aus der Zeit vor ihrer Erkrankung erinnert.

Um herauszufinden, wie sich dies im Alltag auswirkt, konfrontierten die Forscher S. M. mit Angstauslösern. Beispielsweise mit Schlangen und Spinnen in einer Zoohandlung. Obwohl sie nach eigenen Angaben diesen Tieren früher lieber aus dem Weg gegengen war, überwogen nun Neugierde und Faszination. Wiederholt drängte S. M. darauf, immer größere und gefährlichere Tiere in die Hand zu nehmen. Als sie nach einer giftigen Tarantel verlangte, brachen die Wissenschaftler das Experiment ab.
Diese Episode zeigt, warum Angst in unserem Gefühlshaushalt eine so wichtige Rolle spielt, erklärt Justin Feinstein:
„Angst ist ein überlebenswichtiger Mechanismus und der Mandelkern hilft uns, indem wir Situationen, Menschen oder Objekten aus dem Weg gehen, die uns in Gefahr bringen.“
Insofern sei es erstaunlich, dass S. M. noch lebt.
Feinstein und seine Mitarbeiter hoffen, dass ihre Forschungsergebnisse zur Entwicklung von neuen Therapien bei Angststörungen und posttraumatischen Belastungsstörungen beitragen.

Inge Hüsgen

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