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Mittwoch, 16. Juni 2010

Zum Tod von Sir Richard Gregory



Am 17. Mai 2010 verstarb Sir Richard Gregory, einer der „Päpste“ der Wahrnehmungsforschung, im Alter von 86 Jahren. Ein Nachruf vom Biologen und Wahrnehmungsforscher Dr. Rainer Wolf.


Als Mitglied der Royal Society of Arts, Professor für Neuropsychologie und Leiter des Brain and Perception Laboratory war Sir Richard eng verbunden mit der Universität Bristol, wo er 1978 das erste Hands-on-Science-Center in England gründete. Sein Lebenswerk ist so umfangreich, dass hier nur die wichtigsten Aspekte seines Schaffens genannt seien.

Schon seine Vorlesungsthemen waren weit gespannt: experimentelle Psychologie, Wahrnehmung, die wissenschaftliche Methodik, Kybernetik – er hielt sogar einen Spezialkurs mit Experimenten für Philosophen. Nebenbei erfand Richard Gregory wissenschaftliche Instrumente und versuchte, evolutionär bewährte Algorithmen auf Maschinen mit künstlicher Intelligenz zu übertragen – gestützt auf seine Erkenntnis, dass unsere Wahrnehmungen Hypothesen des Gehirns sind. 1967 und 1968 hielt er die legendären Christmas Lectures, die unter dem Titel „The Intelligent Eye“ im Fernsehen ausgestrahlt und 1970 gedruckt wurden. 1970-73 organisierte er eine Einrichtung zur Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Er beriet auch das Science Center in Wolfsburg, war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift Perception und Mitherausgeber der wichtigsten wissenschaftlicher Zeitschriften wie Quarterly Journal of Experimental Psychology, Behavioural and Brain Sciences und Spatial Vision.

Die wichtigsten seiner Bücher: "Eye and Brain: The Psychology of Seeing" (1966), in zwölf Sprachen übersetzt, dt. "Auge und Gehirn. Die Psychologie des Sehens" (2001); und „The Intelligent Eye“ (1970), in sechs Sprachen übersetzt. Zusammen mit Roland Penrose und Ernst Gombrich schrieb er das Buch „Illusion in Nature and Art“, 1987 publizierte er als Herausgeber den "Oxford Companion to the Mind", in drei Sprachen übersetzt. 1992 gab er das Buch „Evolution of the Eye and Visual System“ heraus, 1988 „Odd Perceptions“, in dem er auch seine Entdeckung schildert, dass der kleine Krebs Copilia quadrata mit seinem primitiven, aber höchst beweglichen Auge die Umgebung abscannt und daraus ein brauchbares Bild integriert. In seinem letzten Buch „Seeing through Illusions“ (2009) hat er versucht, Wahrnehmungstäuschungen zu klassifizieren und systematisch einzuordnen.

Noch im August 2009 war er aktiver Teilnehmer der ECVP in Regensburg und ließ auch nicht das Vorsymposium in Lingelbachs Scheune in Leinroden aus, wo das beigefügte Foto entstand. Wer Richard Gregory und seine Offenheit gegenüber neuen Ideen kennen gelernt hat, wird ihn nicht vergessen.

Rainer Wolf, Würzburg

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