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Freitag, 30. April 2010

Wie das Hirn seine Schwächen ausgleicht

In einem Aufsatz in der renommierten Wissenschaftszeitschrift Science haben Thomas Grüter und Claus-Christian Carbon (1) von der Universität Bamberg untersucht, warum bestimmte Teilleistungsschwächen des Gehirns bisher nicht erkannt wurden. Dazu ein Beispiel:

Die erbliche Form der angeborenen Prosopagnosie (2) (Erkennungsschwäche für Gesichter, plakativ auch Gesichtsblindheit genannt) ist in Deutschland sehr verbreitet, etwa 2,5% der Bevölkerung leiden unter diesem Problem. Die Betroffenen können andere Menschen nur sehr schwer an ihren Gesichtern erkennen und sie können sich auch neue Gesichter nicht gut merken. Obwohl allein in Deutschland ca. 2 Millionen Betroffene leben, galt die Störung bis zu den Arbeiten von Martina und Thomas Grüter (3) als ausgesprochen selten.

Wie ist es möglich, dass eine solche Wahrnehmungsschwäche, die immerhin deutliche soziale Folgen haben kann, so lange unerkannt geblieben ist?

Wir leben in einer Zeit, in der Wahrnehmungs- und Leistungstests selbstverständlich sind. Die meisten Menschen haben irgendwann ihren Intelligenzquotienten bestimmen lassen. Wer seinen Führerschein machen will, muss vorher seine Farbsehfähigkeit überprüfen lassen. Aber offenbar können diese Tests einige Teilleistungsschwächen nicht hinreichend diagnostizieren.
Das Gehirn verarbeitet die Flut von ständig hereinkommenden Sinneswahrnehmungen modular, das heißt, verschiedene Bereiche filtern, sammeln und kombinieren die Daten auf jeweils spezifische Weise. Wenn eines dieser Module gestört ist, können andere seine Aufgaben teilweise übernehmen und so für einen Ausgleich sorgen. Nur wenn eine Gruppe von Menschen eine Aufgabe auf eine ganz bestimmte, immer gleiche Weise lernt und ausführt, wird der Ausgleich einer punktuellen Schwäche deutlich schwieriger. Dann fällt eine Wahrnehmungs- oder Verarbeitungsschwäche unweigerlich auf. Dies gilt beispielsweise für eine Dyslexie (Legasthenie oder Leseschwäche).

In einer weitgehend analphabetischen Stammesgesellschaft würde dieses Problem wahrscheinlich nie bemerkt werden, wohl aber eine Schwäche, die verhindert, dass jemand Speerwerfen oder Bogenschießen lernt.

Menschen versuchen, peinliche Leistungsschwächen so gut es geht zu verbergen. Wer Gesichter nicht gut erkennt, wird sich eine ganze Reihe von Ausreden bereitlegen, die erklären sollen, warum er an einem Bekannten einfach vorbei gelaufen ist. Zusätzlich wird er versuchen, andere Erkennungsmerkmale wie Stimme oder Figur zu Hilfe zu nehmen. Weil die eigentlich sozial wichtige Aufgabe nicht Gesichts-, sondern Personen-Erkennung heißt, können die Betroffenen den Ausfall der Gesichtserkennung teilweise ausgleichen.

Ganz allgemein erzielen Menschen mit einer Teilleistungsschwäche unter bestimmten, aber meist nicht allen Umständen eine ausreichende Gesamtleistung. Dabei verändert sich jedoch ihr Verhalten, denn sie bewältigen die Aufgabe anders als die meisten übrigen Menschen. Für eine korrekte Diagnose ist deshalb die Verhaltensänderung wichtiger als die Feststellung einer eventuell reduzierten Erkennungsleistung.

Nahezu alle kognitiven Fähigkeiten sind trainierbar. Ob eine nicht entwickelte Fähigkeit gestört ist, zeigt sich eventuell erst, wenn sie sich durch Training nicht steigern lässt. Das gilt auch für psychologische Tests aller Art. Beispielsweise ist der Intelligenzquotient keineswegs eine unveränderliche Kennzahl des Gehirns. Entsprechend lassen sich durch Wiederholungen von Intelligenztests substantielle Verbesserungen des Ergebnisses erzielen.

Bei Eingangs- und Eignungstests sind Trainingseffekte unerwünscht, weil sie das Ergebnis verzerren. Die Lernfähigkeit und Flexibilität des Gehirns sollen deshalb bei diesen Tests möglichst wenig berücksichtigt werden. Psychologische Eignungstests neigen deshalb dazu, einen zufälligen Trainingszustand zu ermitteln, geben aber keine Auskunft über individuelle Lernfähigkeit, das Entwicklungspotential. Oft ist es wichtiger, dieses Potential aufzuspüren, als festzustellen, welchen Wert eine Person bei der ersten Testung erreicht.
Viele Arbeitgeber möchten schließlich gerne wissen, ob ein Kandidat schnell neue Aufgabenfelder erlernt und auf Probleme flexibel reagiert.

Wenn diese Faktoren in Zukunft stärker beachtet werden, dürfen wir damit rechen, schon bald weitere Teilleistungsschwächen aufzuspüren und sie wissenschaftlich zu untersuchen. Es könnte sein, dass die Bandbreite der Leistungen einzelner Module im Gehirn sehr viel größer ist als bisher angenommen, dass aber eine angeborene Schwäche einzelner Bereiche im Laufe der Entwicklung weitgehend ausgeglichen werden kann.

Verbesserte Verfahren zur Evaluierung der Lernfähigkeit des Gehirns könnten dazu beitragen, den von einer Teilleistungsschwäche Betroffenen gezieltere Hilfe zukommen zu lassen. Außerdem versprechen sie spannende neue Erkenntnisse über Funktionsweise, Dynamik und Strukturen des Gehirns.



(1) Thomas Grüter und Claus-Christian Carbon: Escaping Attention. Science 328, 435-436 (2010).

(2) Thomas Grüter, Martina Grüter, Claus-Christian Carbon, Neural and genetic foundations of face recognition and prosopagnosia, Journal of Neuropsychology 2, 79–97 (2008).

(3) Martina Grüter, Thomas Grüter, Vaughan Bell, Jürgen Horst, Wolfgang Laskowski, Karl Sperling, Peter W. Halligan, Hadyn D. Ellis and Ingo Kennerknecht: Hereditary Prosopagnosia: the First Case Series. Cortex 43, 734-749 (2007).

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